Placebo in der Festhalle

Die Medizin der eiskalten Engel

+
Placebo-Frontmann Brian Molko dirigiert die Massen in der Frankfurter Festhalle.

Frankfurt - Die britische Band Placebo hätte sich keinen besseren Namen als jenen für eine Scheinarznei ausdenken können. Was bei dem einen verfängt, zeigt beim anderen keinerlei Wirkung. Von Christian Riethmüller 

Derlei Reaktionen waren nun auch beim Auftritt des mit drei Tourmusikern verstärkten Trios in der gut besuchten, aber nicht ausverkauften Festhalle in Frankfurt zu erleben. Im Saal sowohl begeistert tanzende Fans als auch versteinert dahockende Zuhörer beobachten zu können, ist dabei kein Widerspruch. Vielen Konzertgängern erfüllten Brian Molko, Stefan Oldal und Steve Forrest die Erwartungen, während andere vermutlich mehr von einer Gruppe erwarteten, die zu den letzten Bannerträgern des „Alternative Rock“ der Neunziger Jahre gehört. Was so alternativ am von vielen Einflüssen wie Nirvana, David Bowie, T. Rex oder den Pixies geprägten Placebo-Sound sein soll, wusste zwar schon vor 15 Jahren niemand so recht, doch hat sich die Kategorisierung gehalten. Klingt vielleicht einfach griffiger als ein Konstrukt wie Glam-Goth.

Wem Placebo schon beim Debüt 1996 gefallen hat, der dürfte auch beim Frankfurter Konzert zufrieden gewesen sein. Nicht etwa, weil die Band in alten Hits wie „Twenty Years“ oder „Every You Every Me“ geschwelgt hätte, sondern weil die Songs des neuen Albums „Loud Like Love“ im Mittelpunkt des hundertminütigen Auftritts standen. Die zielen in ihrer dunklen Romantik eher auf den überzeugten Fan als auf einen Gelegenheitshörer, den man mit einem durchaus leichtfüßig daherkommenden Stück wie dem Titelsong abholen könnte.

Kalte Gitarrenklänge

Die Dramatik in Songs wie „Too Many Friends“, „Rob The Bank“ oder „Scene Of The Crime“ wollte sich allerdings nicht immer erschließen, selbst wenn Brian Molko mit seiner markant hohen Stimme auch im Alter von fast 41 Jahren durchaus überzeugend den einsamen Teenager zu verkörpern versteht, der seine Emotionen tief in sich vergraben und die Attitüde des eiskalten Engels angenommen hat. Entsprechend kalt dröhnten teilweise drei Gitarren um die Wette, während Fiona Brice mit ihren Keyboardklängen die Temperatur sogar noch weiter senkte. Alles Warme, alles Lebendige schien dieser Musik entzogen, zu der man eher im Takt mit den Zähnen hätte klappern mögen als an ein lockeres Wippen des Fußes auch nur zu denken.

Vielleicht ruhte deshalb mancher Konzertbesucher still und starr bis zu „The Bitter End“, dem letzten Song des regulären Sets, in sich, während andere wie der Lumpen am Stecken tanzten. Gegen die Kälte oder doch, weil bei ihnen das Placebo wirkte?

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare