Ein Poltergeist in sinfonischer Aktion

Frankreich ist die zweite Heimat des Yutaka Sado. Dem zollte der japanische Dirigent beim Museumskonzert Tribut mit einem originellen Divertissement von Jacques Ibert, das einmal mehr ahnen ließ, welche Pretiosen noch in der Musik des 20. Jahrhunderts zu entdecken sind.

Ebenfalls nicht zu den Repertoire-Rennern – weil außerordentlich schwierig – zählt das Cello-Konzert Nr. 1 von Dimitrij Schostakowitsch, mit dem der junge Münchner Solist Johannes Moser Klasse und hohes Einverständnis mit Sado bezeugte. Der gab schließlich bei Beethovens Siebenter derart Gas, dass man um die innere klangliche Balance der Sinfonie fürchten musste. Hier zumindest in Sachen Dirigier-Temperament in den Fußstapfen seines Mentors, der US-Dirigenten-Legende Leonard Bernstein.

Ausgerechnet am Hochzeitstag des Monsieur Fadinard frisst sein Kutschpferd den Strohhut einer eleganten Dame, was in Labiches Komödie „Der Florentinerhut“ für abenteuerliche Verwicklungen sorgt, zu denen Ibert (1890-1962) gleichsam mit seinem Divertissement den Klangfilm liefert. Den vielen parodistischen Momenten geht das Museumsorchester in Kammerformation lustvoll auf den Grund. Mit keckernden Holzbläsern frisch von der Leber weg musizierend. Und beim Hochzeitszug klingt sogar Mendelssohns immergrüner Marsch durch, wenn auch arg gestutzt. Wie nach dunklem Cellogesang die „Schöne blaue Donau“ im Wiener Walzer durchschimmert, der sich so effektvoll chaotisch steigert, dass spontaner Beifall aufbrandet – noch vor der klanglichen Zinnsoldaten-Parade und dem flotten finalen Galopp, idealer Soundtrack für eine Stummfilm-Verfolgungsjagd.

Im Geschwindmarsch steigt der Solist auch ins Cellokonzert Es-Dur von Schostakowitsch ein, erregter Dialog mit dem rhythmisch präzise grundierenden Orchester, dessen wieder einmal fabelhafte Hornistin die schnellfingrigen, wie zwanghaft wirkenden Passagen des Cellisten mit einem beschwörenden Motiv bannt.

Kein Virtuosentest, in Feinstimmigkeit ergeht sich die Kadenz und leitet gleichermaßen zwingend zum makabren finalen Tanz über, der orchestral von höllischem Gelächter begleitet wird. Eine wilde Burleske mit folkloristischen Versatzstücken und fern jedweder Solokonzert-Bravour, mit einem virtuos dreinfahrenden Museumsorchester. Nach diesem schier atemlos machenden Perpetuum bewies der junge, packend aufspielende Solist in der Zugabe langen Atem, Johann Sebastian Bachs Sarabande aus der 1. Suite für Violoncello solo geriet zur empfindungsreichen Fantasie.

So viel Gelassenheit strahlte allenfalls der Allegretto-Ohrwurm von Beethovens Siebenter (A-Dur) ab, sinfonisches Plakat der Daseinsfreude und von dem wie ein Berserker dirigierenden Yutaka Sado immer wieder klanglich und rhythmisch angespitzt. Zwar in zielstrebiger Dramaturgie, aber in aberwitzigen Tempi: Manchmal ist halt weniger mehr …

KLAUS ACKERMANN

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