Feingeist an den Tasten

Frankfurt - Geheimnisvolles Halbdunkel und ein wie selbstvergessener Mann am Klavier: Konzertabende mit Grigory Sokolov sind immer ein Ereignis. Von Klaus Ackermann

Vor allem wenn der russische Maestro so gut drauf ist wie jetzt bei Pro Arte, in der ausverkauften Alten Oper einen zwingenden gestalterischen Bogen spannend. Quasi una Fantasia – von der Suite des barocken Rameau über eine Mozart-Sonate bis hin zu den Intermezzi von Brahms. Und weil Sokolov-Verehrer hartnäckig sind, entließen sie das so uneitle Tasten-Genie erst nach sechs Zugaben.

Es ist das Verdienst des barocken Franzosen Rameau, die unverbindliche Folge von Tanzsätzen – Suite genannt – emotional und charakterlich aufgewertet zu haben. Da wird ein Rondeau zur zärtlichen, prallgetrillerten Klage, die der Feinstilist Sokolov in immer neuen Farbnuancen anstimmt. Überhaupt hat der Russe Freude am streng vorgeschriebenen klavieristischen Zierrat, den er so fein wie dynamisch gut gestuft noch aus dem kleinen Finger schnickt.

In der Alten Oper hätte man das Fallen einer Stecknadel hören können

Ergreifend in Les Soupirs (Die Seufzer), Charakter bezeugend in den Rondeau „Die Fröhliche“ und „Die Neckische“, die nach seiner Lesart auch „Die Schnippische“ sein könnte, sowie bei der im punktierten Takt Humpelnden. Und bei den „Wirbelwinden“ legt der Russe virtuos zu, in federleichter Gangart, die auf Mozart hinweist. Dessen Sonate a-Moll erscheint so figürlich perlend wie tiefgründig im Andante cantabile, mit großem melodischen Atem gespielt. Sokolov ist unbeirrt seelischem Kummer auf der Spur. Der scheint wie weggewischt im finalen Presto, das er zwingend artikuliert.

Beziehungsreich geht’s weiter, mit den Variationen über ein Thema von Händel. Penibel im rein Pianistischen und großartig im Ausdruck zeigt Sokolov, wie Brahms es charakterlich allmählich verändert, bis sich Barockes in eine romantische Ballade verwandelt. Bis hammerhafter Klaviersatz orchestrale Wirkung erzielt und selbst ein ungarischer Tanz nicht fern ist.

Nach dem Variationen-Gewitter gehen Brahms und Sokolov in sich – in den „Drei Intermezzi“ mit der späten Opuszahl 117, ein Wiegenlied und lauter vorletzte Worte in schon schmerzlicher Intensität. In der Alten Oper hätte man das Fallen einer Stecknadel hören können. Mit drei der „Vier Klavierstücke“ op. 32 von Robert Schumann verlässt Sokolov allmählich diese düsteren Klangsphären, mittendrin ein Chopin-Prélude, ein weiteres Brahms-Intermezzo und noch ein Charakterstück von Rameau. Dann lichtet sich das Halbdunkel im Großen Saal.

Rubriklistenbild: © dpa

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