Provokateur wirkt müde

+
Auf Freddy Kruegers Spuren: Der ehemalige Kinderstar aus „Wunderbare Jahre“. 

Rote Laserstrahlen blitzen in der komplett von Trockeneis umnebelten Neu-Isenburger Hugenottenhalle hektisch im Morsecode „S.O.S.“ auf. Als wollten sie signalisieren: „Hilfe – ich befinde mich in entsetzlicher Not!“ VonFerdinand Rathke

Gut möglich, dass Marilyn Manson seine derzeitige berufliche Lage als ebenso desaströs empfindet wie das Publikum den Anblick jener monströsen, ganz in kaschierendes Schwarz gekleideten Kreatur, die als selbst ernannte Inkarnation der Hölle mit viel Gespür für hintergründige Satire bislang den Zustand unseres Heimatplaneten Erde so gekonnt karikierte.

Doch Manson wirkt abgespannt, ausgelaugt und müde, als er mit „Cruci-Fiction In Space“ einen Reigen aus Elektro, Metal und Glam Rock eröffnet, der nur noch wie ein matter Abklatsch wirkt. Nicht mal der aus besseren Zeiten zurückgekehrte Gitarrist Twiggy Ramirez scheint imstande zu sein, mit scharf gezirkelten Riffs das havarierte Schiff zu retten.

Impressionen eines Verrückten

Marilyn Manson in Hugenottenhalle

Ohne nette Spielereien wie auf der Bühne elektronisch ferngesteuerte Frauenbeine in Strapsen, wie sie Manson 2003 in der Frankfurter Festhalle präsentierte, als er mit Neigung zum Größenwahn „The Golden Age Of Grotesque“ ausrief, wirkt der Rock’n’Roll-Demagoge reichlich derangiert. Als Mahnmal des Bösen hantiert Manson zwar noch immer mit eigens für deutsche Bühnen abgewandeltem Hakenkreuz, setzt sich unmotiviert Stahlhelm oder Militärkappe auf und verzieht die aschfahl geschminkte Visage zum schauderhaften Grinsen, wenn er eine Bibel entflammt.

Als talentierter Kunstmaler hat sich Brian Hugh Warner, wie sein bürgerlicher Name lautet,schon empfohlen. Einen unterhaltsamen Rock-Diskurs produziert der 40-Jährige – wenn auch mit Abstrichen – noch immer: Auch wenn er augenzwinkernd behauptet, „Rock Is Dead“, funktionieren Muntermacher wie „The Dope Show“, „We’re From America“ und als einzige Zugabe „Beautiful People“ wie geschmiert. Aber künstlerischer Stillstand hat im Musikgeschäft seine Daseinsberechtigung: Die nächste Generation wird den Misanthropen in einer Dekade neu entdecken.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare