Pseudo-religiöse Züge

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Lange Haare, knappes Top und Glitzerfummel: Optisch bot Evanescence-Sängerin Amy Lee eine große Show.

Offenbach - Fast verloren steht Frontfrau Amy Lee in der ausverkauften Stadthalle Offenbach. In Glitzerrock, Stulpenstiefeln und Top wirkt die Sängerin wie eine Schwester der isländischen Rock-Ikone Björk. Von Ferdinand Rathke

Faxen liegen der geradlinigen Frau aus dem kalifornischen Riverside indes nicht. Sie bevorzugt auf der ersten deutschen Konzertstation seit Jahren unspektakuläres Auftreten. Jedenfalls gebärdet sich die Amerikanerin mit den hüftlangen Haaren nicht wie eine gewiefte Rock-Queen.

Immer dieselben dürren Worte findet Lee: „Als nächstes möchte ich folgenden Song spielen!“ Die Sängerin, die mit Gitarrist Ben Moody das Projekt Evanescence 1998 aus der Taufe hob, firmiert inzwischen als Ein-Frau-Unternehmen. Von Moody, mit dem sie das Debüt „Fallen“ konzipierte, trennte sich sie 2003. Alte Mitglieder sind gegen Mietmusiker ausgetauscht. Viel Druck machen Bassist Tim McCord, Schlagzeuger Will Hunt sowie die Gitarristen Terry Balsamo und Troy McLawhorn. Doch Dynamik und Gruppenidentität fehlen diesem Quintett, das fünf Jahre zwischen Album Nummer zwei „The Open Door“ und dem Nachfolger „Evanescence“ pausierte.

Neo-konservativer Besinnung auf familiäre Werte

Mit heroischen Posen und starren Gesten zelebriert Lees in glasklarem Sopran düstere Vignetten aus drei Alben. Balladeske Oden, metallische Epen voller Wehmut, Leid und Schmerz. Prosaische Aufarbeitungen einer verlorenen Jugend im Mittleren Westen. Nichts wirkt geschönt an den aus herzergreifender Lyrik geformten Momenten von Isolation und Einsamkeit.

Das Konzept ist noch vom talentierten Komponisten und Texter Moody Dies halten Kritikern den mit Grammy Awards ausgezeichneten Senkrechtstartern 2003 vor: Moodys in Balladen mit widerhakender Wucht und digitaler Elektronik verpackte Tragik sei eine Finte; die Abwendung vom Heavy Metal, 2000 in limitierter Stückzahl erschienen, sei ein als künstlerische Entwicklung getarnter lukrativer Kniff. Die Ursache ist indes komplexer. In einer Ära, in der die Tonträgerindustrie mit sinkenden Absatzzahlen kämpft, entwickelt sich vor allem ein Marktsegment: Nu Metal.

Gespickt mit neo-konservativer Besinnung auf familiäre Werte, bieten in Moll getränkte, mit Botschaften versehene Songs wie „Going Under“, „The Other Side“, „My Heart Is Broken“ und „Lost In Paradise“ eine ideale Projektionsfläche. Mit dem dynamischen „Bring Me To Life“ – mit der Zugabe „My Immortal“ einer der wenigen Höhepunkte – avancierten Evanesence zum Fixpunkt mehrerer sich unverstanden fühlender Generationen, die sich im gemischten Auditorium widerspiegeln: Spätpubertierende Jugend, studierende Twentysomethings und beruflich etablierte Überdreißigjährige.

Sensibel, grundehrlich und willensstark gerieren sich Evanescence im Gefühl, statt elterlicher Führung zuviel Freiheit genossen zu haben, als Außenseiter. Besonders gut gelingt der Spagat, wenn sich Lee auf dem Flügel begleitet. Da kehrt sie das alleingelassene, verletzte, engelsgleiche Wesen hervor. Im Gewitter surrealistischer Lichteffekte nehmen todessehnsüchtige Hymnen wie „Sick“, „Lithium“ oder „Weight Of The World“ fast pseudo-religiöse Züge an.

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