Psychogramme am Piano

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Eine Aura der Unnahbarkeit umgibt ihn. Dabei kehrt der russische Ausnahme-Pianist Grigory Sokolov in Werken von Bach, Brahms und Schumann sein Inneres nach außen.

Frankfurt - Eine Aura der Unnahbarkeit umgibt ihn. Dabei kehrt der russische Ausnahme-Pianist Grigory Sokolov in Werken von Bach, Brahms und Schumann sein Inneres nach außen. Von Klaus Ackermann

Ein Analytiker mit viel Herz, sicherem Gespür für schwierige emotionale Befindlichkeiten und schier unerschöpflichen klanglichen Mitteln. Kein Wunder, dass ihn seine große Gemeinde in der Alten Oper Frankfurt erst nach -zig Zugaben von der Bühne ließ. In Johann Sebastian Bachs Partita Nr. 2 c-Moll BWV 826 scheint die Welt noch in Ordnung. Ob nun festlich gestanzte Sinfonia oder sanft fließendes Adagio, die Klavierhämmer scheinen mit Samt überzogen, immer vorrangig bleibt der Verlauf der Stimmen. Das beschert in der Sarabande die vollendete Zweistimmigkeit in einem schier unwirklichen Pianissimo. Das Rondeau hat behaglichen Tanzcharakter, dynamisch wie am Cembalo gestuft. Und selbst beim rhythmisch aufgefrischten, virtuos verdichteten Capriccio ist der Kontrapunkt deutlich ausgestellt, was für unglaubliche geistige Durchdringung spricht.

Wie klangliche Psychogramme muten die Fantasien op. 116 von Johannes Brahms an, harmonisch und in den weit ausholenden thematischen Entwicklungen die Spätromantik vorwegnehmend. Ein ungewohnt herrischer Zug etwa durchzieht das energiegeladene Capriccio, abgefangen von milden Dreiachtel-Passagen, bei denen Brahms herbe dynamische Kontraste zwischen Fortissimo und Pianissimo vorschreibt, was bei Sokolows variablem Anschlag wie selbstverständlich erscheint.

Frédéric Chopin als „I“-Tüpfelchen

Dass sich drei Intermezzi in einer Tonfamilie bewegen (E-Dur, e-Moll) fällt in dieser fantasievollen Anlage mit ihren abrupten Wendungen kaum auf. Eher schon, wie ein Fragezeichenlied (Intermezzo a-Moll) weitere selbstquälerische Gedanken heraufbeschwört (Intermezzo e-Moll) – Sokolov scheint in geheime seelische Bezirke einzudringen. Und auch das finale Allegro agitato ist keineswegs der große Befreiungsschlag, eher ein Danse macabre – mit trotzigem finalen D-Dur-Akkord.

Hat Mauricio Pollini unlängst in der Alten Oper Schumanns Sonate Nr. 3 f-Moll noch in der vom Komponisten autorisierten viersätzigen Fassung gespielt, so bevorzugt Sokolov die fünf Sätze der Ur-Version, die technisch tückischen, melodiösen und klangschönen Stellen locker überwindend oder stark aufladend. In der Tat ein „Konzert ohne Orchester“, mit virtuosen Gewittern in etwas weitschweifigem Gedankenfluss. Die zentralen Variationen über ein Andantino der Schumann-Gattin Clara Wieck haben auch beim Russen eine Art inneres Pendel – selbst wenn immer heftigere Argumente in die Debatte geworfen werden, deren Schlussakkorde Sokolov in unendlicher Ruhe zelebriert.

Nach dem rauschhaften Prestissimo-Finale haben alle noch nicht genug. So erinnert der russische Pianist noch an einen weiteren 200-Jährigen: Préludes von Frédéric Chopin setzen das „I“-Tüpfelchen auf ein intensives, kurzweiliges Konzert. Und selbst beim Trauermarsch der Chopin-Sonate op. 35 kommt Freude auf...

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