Ein schmaler Grat

Queen mit Adam Lambert in der Festhalle

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„Buddy you’re a boy make a big noise...“ : Adam Lambert (l.) und Brian May rocken die Festhalle.

Frankfurt - Queen, die wahrscheinlich majestätischsten Legenden der Rock-Geschichte, haben in ihrem 45. Bühnenjahr noch einmal Nebelmaschine und Laserkanonen angeworfen, um in der restlos ausverkauften Festhalle alte Songs mit einem neuen Frontmann abzufeiern. Von Peter H. Müller

„Ei gude wie!“ - die Begrüßung von Brian May klingt noch verdächtig nach den Rodgau Monotones. Dabei sind wir doch schon mittendrin in einer wahrhaft royalen Audienz. Queen, die wahrscheinlich majestätischsten Legenden der Rock-Geschichte, haben in ihrem 45. Bühnenjahr noch einmal Nebelmaschine und Laserkanonen angeworfen, um in der restlos ausverkauften Festhalle alte Songs mit einem neuen Frontmann abzufeiern.

Da ist er also nun, „The New One“, mit schwarz lackierten Fingernägeln, zu dick aufgetragenem Kajal, eingeledert in ein Nieten-besetztes Ganzkörperkondom, das wohl auch Harald Glööckler und Catwalk-Coach Jorge Gonzalez verzücken würde: Adam Lambert hat zweifelsfrei den schwersten Job an diesem Abend. Der 33-jährige Amerikaner, optisch eine Mixtur aus frühem Bill Kaulitz und spätem George Michael, muss nichts weniger als die Ikone Freddie Mercury ersetzen.

Ein ziemlich monströse Aufgabe für einen „Casting-Star“, der bei der 2009-er Staffel von „American Idol“ als Zweiter noch erster Verlierer war. Vielleicht präsentiert ihn die 150-Minuten-Marathon-Show der britischen Heroen auch deshalb in homöopathischen Dosen, entlässt ihn immer wieder zum Kostümwechsel hinter die von einem übergroßen „Q“ dominierte Bühnenkulisse. Hier gibt, nachdem der Vorhang samt Brian Mays Guitarrero-Silhouette gen Himmel geschossen ist, der Eröffnungssong auch gleich das Thema der opulent choreografierten Rock-Oper vor: „One Vision“ oder die kühne Idee, einen Mythos wiederzubeleben.

Die Glamour-Variante

May und der weißbärtige Drummer-Veteran Roger Taylor, inzwischen fast taub und auf gleich zwei Hörhilfen angewiesen, haben das schon einmal versucht - mit dem erdigen Bluesmann Paul Rogers am Mikro. Und durchwachsenem Erfolg. Jetzt wurde also die Glamour-Variante ausgeguckt. Lambert, dessen Timbre, Gestus und Performance dieses offenbar trendige Conchita-Wurst-Charisma umweht, würde auch bestens in das derzeit reüssierende „We will rock you“-Musical passen. Was gar nicht mal negativ gemeint ist.

Nein, der vergleichsweise junge Beau, der mit seinem Outing die eigene Solo-Karriere in den USA erfreulich befeuert hat, macht nix falsch. Außer, dass er sich - Sakrileg-Alarm - mal eine kräftige Spur zu tuntig mit Goldfächer auf samtroter Ottomane räkelt und „Killer Queen“ zur albernen Schwulenparodie gerinnen lässt. Ansonsten: toller Sänger, der nett ins Publikum tänzelt, zu „Under Pressure“ oder „Who wants to live forever“ sogar die Illusion wachsen lässt, die Songs seien einst für ihn geschrieben worden. Er weiß, dass er da auf einem schmalen Grat posiert - und vielleicht ist das Beste, dass er erst gar nicht den Versuch macht, eine Kopie zu sein.

Bilder vom Konzert in der Festhalle

Queen in der Festhalle

Die wahren Originale May und Taylor (das vierte Urgestein John Deacon hat sich schon lange ins Private zurückgezogen) tun dann ihr Übriges zu einem Best-of-Spektakel, das wie eine XL-Hommage an das wundersame Rock-Monster der 1970-er und 1980-er daherkommt, „Schlagzeug-Battle“ zwischen Taylor und Sohnemann Rufus ebenso inklusive wie ein Bass-Solo (Neil Fairclough) und Mays knapp 15-minütiges E-Gitarren-Manifest im virtuellen Laser-Sternschnuppen-Universum. Mit der Akustik-Klampfe sorgt der promovierte Astrophysiker dann auch noch für kollektive Gänsehaut: „Love of my life“ - die Ballade „für einen abwesenden Freund“.

Womit wir wieder bei Mercury wären. Und den kurzen Momenten, wo er - Videotechnik macht´s möglich - in das Konzert eingeklinkt wird: zu dem von „Metropolis“-Bildern umwölkten „Radio Ga Ga“ etwa, oder zur unvermeidlichen „Bohemian Rhapsody“-Hymne. Da rinnt einem tatsächlich ein mächtiger Schauer über den Rücken: diese Wucht, dieses Animalische, dieses Bedingungslose - davon ist sein Nachfolger, so respektabel dessen Performance auch sein mag, (noch) Lichtjahre entfernt.

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