Rächerin der Entrechteten

Im Rückblick fällt es leicht die Achtziger Jahre als Dekade oberflächlicher Dekadenz, Großspurigkeit und des Ausschweifens zu umschreiben. Von Ferdinand Rathke

„It’s Hip To Be Square“ – es ist in, spießig zu sein –, analysierten Huey Lewis & The News das Jahrzehnt 1986 treffend zwischen Yuppies, New Wave, Wettrüsten, Reagan, Kohl und Thatcher. Musikalisch dominierte vor allem blechern Elektronisches im pompösen Breitwandformat. Die Zukunft, so schien es, würde glanzvoll sein und auf herkömmliche Instrumente wie Gitarre, Bass und Schlagzeug verzichten. Wie wir längst wissen, kam es anders. Was damals innovativ tönte, klingt mit Abstand von fast dreißig Jahren fast ausnahmslos peinlich.

Mit der digitalen Epoche assoziiert wie keine Zweite wird die Britin Anne Clark. Als wasserstoffblonde Ikone der Wave-Generation im burschikosen Look prägte sie abseits schnöden Mainstreams maßgeblich mit, was wir heute als Techno, Trance und Euro-Pop bezeichnen. Aber die zu Beginn ihrer internationalen Karriere 22 Jahre alte Sängerin, Pianistin und Komponistin aus Londons Arbeiterviertel South Croydon zählte auch zu den Künstlern, die sich von rein elektronischen Produktionen frühzeitig wieder emanzipierten, wie ihr zweistündiges Gastspiel mit einem repräsentativen Karrierequerschnitt in der gut besuchten Frankfurter Batschkapp eindrucksvoll unterstreicht.

Ganz auf Elektronik kann und will die 49 Jahre alte kleine Frau mit dem eigenwilligen Sprechgesang im rauen Cockney-Slang nicht verzichten. Pflichtbewusst hakt sie Klassiker wie „Sleeper In Metropolis“, „Homecoming“ und, als unbestrittener Höhepunkt, zum Finale „Our Dark ness“ ab. Freut sich hinter verhaltenem Lächeln und sparsamen Gesten über den Enthusiasmus, den ihre Songs, die zum Soundtrack nicht nur einer Generation avancierten, noch immer zu entfachen wissen. Doch in künstlerische Wallung gerät Anne Clark vor allem dann, wenn sie in Auszügen ihr aktuelles Werk „The Smallest Acts Of Kindness“ präsentieren darf.

Begleiten lässt sich die unscheinbare Person mit der noch immer blonden Kurzhaarfrisur von einem Quintett virtuoser Musiker, die Akzente vor allem auf akustischem Gebiet zu unterstreichen wissen. Auch wenn zwischen Folkloristischem und Kammermusikalischem immer wieder die Wurzeln beschworen werden. Schließlich wünscht das Publikum sich nichts sehnlicher, als ausgiebig Nostalgie zu kosten.

Anne Clark wiederum hat von der beißenden Schärfe früherer Jahre nichts verloren. Noch immer prangert sie Geld, Macht und Korruption in manisch gerappten Versen an. Schlägt sich auf die Seite der Entrechteten und Enterbten. „The Law Is An Anagram Of Wealth“ (Das Gesetz ist ein Anagramm von Reichtum) nannte sie 1993 ein Album; ein Titel, der angesichts der Finanzkrise und deren nun mit Steuergeldern noch immer frei schaltenden und waltenden Verursachern nicht an Aktualität verloren hat.

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