Die Nerds des Indiepop wollen rocken

Offenbach - Tocotronic treffen Scooter. Unvorstellbar? Möglich ist es aber, Raketenkind liefern den Beweis dafür. Das ursprünglich aus Konstanz stammende, mittlerweile in Berlin ansässige Elektropopduo macht Texte mit Fußnoten. Von Stefan Michalzik

Im Booklet zu ihrem 2009 veröffentlichten Debütalbum ,,Und wir feiern diese Lügen“ - ,,aufgenommen (...) im Probenraum und zwischen unseren Nachbarn“ - listen Raketenkind Verweise zu Musikerkollegen wie dem New Yorker Indietronicaduo Ratatat, Thom Yorke von Radiohead, dem deutschen Filmregisseur Michael Chauvistré und Dirk von Lotzow, dem Sänger von Tocotronic auf.

Zuallererst mal wollen Raketenkind, die im Offenbacher Hafen 2 spielten, mächtig das Haus rocken. Elektrobeats und E-Gitarre bratzen in der mit einem Fluss von Videokunstbildern unterlegten Show gleichsam um die Wette. Was heißt hier eigentlich Show? Der Sänger Timo Warken, auf ihn gehen auch die Texte zurück, spielt Gitarre, sein Partner Sebastian Hoggenmüller Bass. Beide tragen Bärte, Brillen und Baseballkappen, ein jeder hat ein Laptop neben sich stehen. Indiepopnerds, die nichts tun als zu singen und spielen: Es geht mithin also doch zuvörderst um den Songkern – und nicht um eine feiste Anmache des Publikums, wie es die stracks nach vorne weggehende Musik nahelegen könnte.

Probleme eines Rasenmähers

,,Und der Rasenmäher beginnt zu weinen/Weil das Gras zu kurz geraten ist/Doch wir kommen damit klar/Weil es sich auf kurzem Gras besser liegen lässt (…) Und wenn es untereinander steht/Ist es ein Gedicht“. Die Blödelgrenze scheint angesichts der Texte von Timo Warken mitunter nicht weit entfernt, der Anschein einer gewissen Harmlosigkeit ist allerdings gleichsam strategisch motiviert. Im Zeichen eines schon fast neodadaistischen Ansatzes geht es hier um die Gesellschaft, derweil es auch immer wieder ein ,,Du“ gibt, das angesprochen wird.

Sind das nun Intellektuelle? Handelt es sich um eine neue – minder sperrige - Form von Diskurspop? Raketenkind, die neben älteren auch einige Nummern aus ihrem für Ende September angekündigten zweiten Album ,,Der lauteste Mensch am kältesten Tag“ spielten, sind nicht ganz leicht zu durchschauen. Wo wollen sie eigentlich hin? Die Musik scheint nach einer größeren Bühne zu verlangen, die Texte mögen mehr oder minder kryptisch sein, sie wirken aber eher spielerisch als kopflastig.

Mithin ist eine Anschlussfähigkeit an den Mainstream gegeben. ,,Das letzte Lied heißt ,Wegen dir’“. Wegen mir.

Rubriklistenbild: © Rike/pixelio.de

Kommentare