Gigantische Geisterbahn

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Immer für eine Kontroverse gut: Till Lindemann, Sohn eines Kinderbuchautors und Frontmann der Band Rammstein, macht gern auf hart.

Frankfurt - Mit ungeheurem Getöse und quer durchs Publikum erfolgt der Einmarsch von Rammstein. Ein wenig Tuchfühlung mit den Normalsterblichen schadet ja nie. Von Ferdinand Rathke

Ordentlich als mittelalterlicher Spielmannszug getarnt mit Fahne, Fackel und Lederhauben marschiert der Tross Richtung Hallenmitte. Dort wartet am Mischpult eine Hebebühne, die es zu erklimmen gilt. Von da aus geht es unter kollektivem Gejohle weiter auf eine sich von der Hallendecke senkende Landungsbrücke, die auf die noch im Dunkeln liegende Bühne führt.

Wenn Rammstein eines schon immer vermochten, dann war es sich spektakulär zu inszenieren. Erfolg brachte das für die ostdeutsche Formation nicht nur im eigen Lande, sondern mittlerweile weltweit. In Deutschland liefern sich Befürworter und Gegner erbittert geführte Kontroversen, weil der martialischen Formation mit jeder neuen CD-Veröffentlichung Deutschtümelei, Blasphemie und Gewaltverherrlichung unterstellt wird. Mit seinen euphorisch verehrten Helden wähnt sich das Publikum in der seit Monaten ausverkauften Frankfurter Festhalle in einem Paradies, das die Endzeitkatastrophe beschwört: Wie eine Hölle am Beginn des Industriezeitalters gestaltet sich die düstere Kulisse.

Eine verstörende Vision in hartem Stahl aus Pappmaché. Mit von H.R. Giger inspirierten Elementen. Da dreht sich pausenlos eine gigantische Turbine. Im Minutentakt schlagen rot glühende Feuersbrünste und Explosionen dem Auditorium heiß entgegen. Die Fahrt in der gigantischen Geisterbahn kann beginnen.

Kabinett des Grauens

Als Kabinett des Grauens, in der das Sextett wie Schergen aus der Unterwelt agiert, präsentiert sich das an optischen Höhepunkten reiche Szenario. „Sonne“ nennt sich das erste Stück, das als Blaupause für alle weiteren dient: Rammstein stehen nicht nur wegen des Tourneemottos „Made In Germany 1995-2011“ für eine rückwärts gerichtete Mixtur aus schwelgerischem Metal und aus der Mode gekommener Electronic Body Music mit infektiösen Harmonien, plakativen Titeln und kernig-provokanten Texten.

Frontmann Till Lindemann, ein fleischiger Kerl von grobmotorischer Gestik, hantiert bei „Dein Teil“ in Fleischerschürze, als wolle er das wohl kaum zufällig gewählte Opfer, Keyboarder Christian „Flake“ Lorenz, besonders garstig massakrieren.

Trotz perfekter Dramaturgie mit Trockenschaum („Pussy“), brennenden Flügeln („Engel“), einer fiesen Vergewaltigungsszene bei „Bück’ dich“ und ein über die Hände der Zuschauer segelndes Schlauchboot zu „Haifisch“ müssen Rammstein kämpfen. Gegen einen tückischen Dämonen, der sie in engem künstlerischem Korsett gefangen hält. Wer als Hofnarr der Gegenwart permanent das Abgründige thematisieren muss, gerät zwangsläufig in kreative Wüsten. Da hilft nur noch demütiges Niederknien der sechs Musiker vor dem Publikum zum Finale und der humorigen Erkenntnis von Til Lindemann nach minutenlangem Applaus: „Meine Fresse, die Hesse!“

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