Den ganzen Hass rausrappen

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Gern präsentiert sich Haftbefehl (2. von links) in bester Gangster-Rapper-Manier martialisch.

Offenbach - „Haft kommt gleich“, sagt sein Manager. An der Leine eine blonde Kampfhündin. Der Offenbacher Straßenrapper Haftbefehl steht im Stau. Von Kathrin Rosendorff

30 Minuten später betritt der hochgewachsene 24-Jährige die Frankfurter Bar: Den Kopf frisch rasiert, die Augenbrauen zurecht gezupft. Gerade ist sein Debütalbum „Azzlack Stereotype“ rausgekommen. Er bestellt einen Maracujasaft.

„Schwarz“ heißt eines der Lieder des Rappers mit den kurdisch-türkischen Wurzeln. In einer Zeile singt er: „Schwarz wie das Leben eines Offenbachers.“

„Ich hatte eine harte Jugend und bin unter schlechten Bedingungen aufgewachsen“, erzählt er und meint die Offenbacher Ost-Bronx, auch wenn das natürlich nicht „ganz so krass gewesen ist“ wie die Trailer-Park-Jugend eines Eminems. Als Haftbefehls Vater stirbt, ist er 17. Schon damals sei er mit dem Gesetz in Konflikt geraten, sagt er.

Er zieht mit seiner Mutter und seinen beiden Brüdern nach Babenhausen, weil die Mutter hofft, dass er unter ländlichen Bedingungen zur Vernunft kommt. Aber der Junge aus der Großstadt verträgt die Landluft schlecht: „Ich war sehr aggressiv, habe meine Freunde vermisst.“

Flucht von der Bewährungsstrafe

Die Folge: Er soll wegen Körperverletzung eine Haftstrafe antreten. Da flüchtet er lieber. Erst in die Niederlande, dann in seine Ursprungsheimat Türkei. Nach einem Jahr kommt er wieder: Ein Anwalt hat eine Bewährungsstrafe für ihn erreicht. Ins Gefängnis muss er deshalb nicht, dafür hat er aber einen schmucken Rap-Namen. Im Exil sei er nämlich zur Vernunft gekommen. „Ich bin erwachsen geworden. Statt zu schlagen, rappe ich.“

Sein Sprechgesang kommt an: 286.639 Fans haben seine MySpace-Seite schon angeklickt, eine Punk-Band hat eins seiner Lieder gecovert, und die Fachpresse lobt seine harten Reime mit Sätzen wie: „Haftbefehl gehört zu den wenigen Künstlern, denen man zutrauen könnte, das totgesagte Genre Straßenrap zu reanimieren.“

„Ich nehm’ dir alles weg, die Schlüssel zu deinem Haus, die Bitch, die du liebst

Haftbefehl betont, dass er seinen Teenie-Fans davon abrät, wie er die Schule mit 15 ohne Abschluss hinzuschmeißen. Denn: „Nicht jeder hat ein Talent zum Rappen.“ Auch er würde heute alles anders machen, sagt der Musiker, der kurze Zeit auch ein Wettbüro in Offenbach besessen hat.

Seine aggressiven Texte seien auch nicht als Vorbild gedacht. Aber beim Rappen nehme er halt „kein Blatt vor dem Mund“. Das kann sich dann so anhören: „Ich nehm’ dir alles weg, die Schlüssel zu deinem Haus, die Bitch, die du liebst, den Mercedes, den du fährst. Ich nehm’ dir alles weg und töte deinen Bruder, ja du hast Recht, das Leben ist nicht fair!“

Mit seinem Plattenvertrag und seinen Auftrittsgagen – „so 2000 Euro pro Abend“ – kann er leben, obwohl das Geld eigentlich nicht reiche: „Schließlich habe ich tagsüber frei, und dann langweilige ich mich und gehe einkaufen. Da ist das Geld schnell verballert“, sagt er in seiner Lonsdale-Jacke und grinst. Aber er betont: „Ich habe nie Sozialhilfe oder Arbeitslosengeld bekommen.“

Kein Disser

Nachts ist er beschäftigt. „Da strenge ich beim Rappen mein Gehirn die ganze Nacht an.“ In seinen Texten „disst“ (was im Szene-Slang so viel wie jemanden schlechtmachen oder diskreditieren bedeutet) er andere Musiker oder Menschen nicht – für Gangster-Rapper untypisch. Lieber spielt er mit seiner Stimme. „Hab das gar nicht nötig, mich an anderen hochzuziehen“, sagt er überzeugt.

Und weiter: „Jan Delay ist ein Fan von mir.“ Persönlich kennt er den intellektuellen, näselnden Oberschichten-Musiker nicht, aber man würde sich das in der HipHop-Szene erzählen. „Wir haben beide unseren eigenen Style und eine sehr eigene Stimme, das verbindet uns wohl“, so Haftbefehl und lacht.

Zum Spaß den Hitlergruß

Seine Texte seien nicht nur „aggro“, sondern auch selbstironisch, sagt er und rappt: „Ich kenn‘ Kanaken, die für Geld auf alles scheißen und sogar dein Kind entführen als Spongebob verkleidet.“ Er findet es auch lustig, seine Freunde mit „Heil Hitler“ zu begrüßen. „Spaß“, sagt er. Das sei ja schließlich Vergangenheit.

Seine Mutter sei stolz auf ihn, erzählt er. Ihretwegen lebt er noch im ungeliebten Babenhausen („I hate Babenhausen“), weil er nachts schlecht schläft, wenn er weiß, dass sie allein ist. „Meine Mutter ist alles, was ich habe.“

Während seiner Clubtour macht Haftbefehl auch Station in Frankfurt: Am 11. November gibt er ab 20 Uhr ein Konzert im Nachtleben (Kurt-Schumacher-Straße 45).

Weitere Daten und Infos sind auf der MySpaceseite von Haftbefehl zu finden.

Aber er träumt von einem Umzug zurück in die Großstadt. Nach Frankfurt oder Offenbach. Das ist ihm egal. „Dieses Problem zwischen Offenbach und Frankfurt herrscht doch nur zwischen den Fußballfans. Die sollen es lassen, in den Krieg zu ziehen, und sich lieber ein Hobby suchen“, sagt Haftbefehl. Acht Jahre hat er als Jugendlicher bei den Kickers gespielt. Aus der Zeit gibt es ein Foto mit ihm und Rudi Völler.

Und was macht er, wenn er sich irgendwann mal „all seinen Hass“ rausgesungen hat? „Ich koche gern. Vielleicht eröffne ich ja mit 40 ein Steak-Restaurant in Offenbach.“

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