Raus aus dem Untergrund

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Wo der Franzose David Guetta auftritt, ist Party angesagt. Jetzt hat der Electronic-Dance-Tausendsassa sein neues Album „One Love“ vorgelegt.

„Ich wollte in meinem Job als House-DJ und -Produzent schon immer Musik machen, die anders ist als alles, was Popkultur ausmacht“, erzählt David Guetta, während sein Blick über einen Bildschirm schweift, auf dem gerade eine MTV-Show zu sehen ist. Die Musik des französischen Electronic-Dance-Tausendsassas taucht darin gleich mehrfach auf. Von Michael Loesl

Nicht nur in Form seines Hits „When Love Takes Over“, mit dem er gerade unterstützt von Kelly Rowland die weltweiten Hitparaden anführt. Auch die Erfolgs-Single „I Gotta Feeling“ der Black Eyed Peas entstand unter seiner Regie. „Natürlich entbehrt mein neuerlicher Übererfolg nicht einer gewissen ironischen Note“, schmunzelt Guetta. „Aber auch House-Musik musste sich früher oder später so entwickeln, wie sich auch HipHop und die Acid-Szene entwickelten, nämlich raus aus dem Untergrund.“

Der kulturelle Untergrund, dem sich Guetta Ende der 80er Jahre in Paris anschloss, bestand aus tanzhungrigen, experimentierfreudigen Elektronikmusikern, denen die Technopop-Pioniere von Kraftwerk als Blaupause für musikalischen Minimalismus dienten. Sie hegten Visionen für eine neue hedonistische Dance-Bewegung. „Unsere Musik sollte damals unbedingt auch ein politisches Zeichen sein, denn wir wollten, dass Farbige mit Weißen tanzen sollten und Schwule mit straighten Männern. Im Grunde war uns damals schon klar, dass die Welt ein trostloser Ort ist, aus dem es nur den Moment des Feierns als Ausweg gab. Und wenn ich ehrlich bin, sehe ich auch heute noch keinen Grund dafür, diese Sichtweise zu revidieren.“

Guetta will nicht für jeden Popstar produzieren

Ecstasy und Acid-House taten in den 90ern ihr Übriges, um die von Guetta und Co. angeführte House-Szene endgültig massenkompatibel zu machen – obwohl Guetta immer Abstand zu Drogen hielt. „Jede Art von Rausch ist einer Flucht vor der Realität, und ich konnte nie verstehen, warum man aus der Flucht vor der Realität, die ein Club mit guter Tanzmucke darstellt, auch noch zusätzlich flüchten musste.“ Es gäbe nur noch wenige Möglichkeiten, sich heutzutage als Individuum wirklich frei entfalten zu können. Ein Club sei, neben dem Privaten, eins der letzten Refugien, meint der 41-Jährige.

Mit dem neuen Album „One Love“ (Virgin) scheint Guetta sein Ziel erreicht zu haben. Der Schlaksige mit dem Dreitagebart winkt jedoch ab. „Seitdem ich die Black Eyed Peas produziert habe, bekomme ich fast täglich Anfragen der größten Stars aus Amerika für weitere Produktions-Aufträge. Aber ich bin gerade dabei, genau abzuwägen, mit wem ich kooperieren will. Denn nichts ist langweiliger im Popgeschäft als ein Markenzeichen-Sound, der anachronistisch wirkt, sobald ihn sämtliche Stars für sich benutzt haben.“

Überzeugt vom europäischen Underground

Natürlich, betont er, wird er bei den kommenden Alben von Kelly Rowland, Akon, Ne-Yo und den Black Eyed Peas auf dem Regiesessel sitzen, weil die auch seinem Album mittels Gesang erst zum Erfolg verholfen haben. Aber für den amerikanischen Pop-Mainstream sei er viel zu sehr überzeugt vom europäischen Underground und seiner Do-It-Yourself-Mentalität. „Als ich zum Produzieren der Black Eyed Peas in Los Angeles ankam, wurde ich ins teuerste Studio am Pazifik geführt, und alles, was Rang und Namen hatte, kam vorbei, um mich, den Wunderwerker aus Frankreich, am Regiepult zu erleben. Die Enttäuschung stand den Musikgeschäft-Göttern quasi ins Gesicht geschrieben, als sie sahen, dass ich kein großes Studio, sondern lediglich meinen Laptop brauchte“, amüsiert sich Guetta noch heute.

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