Red Hot Chili Peppers live: Auf Adrenalin gepolt

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Nackte Tatsachen: Sänger Anthony Kiedis ließ schon bei der zweiten Nummer die Hüllen fallen.

Frankfurt - Wenn es einer von widrigen inneren wie äußeren Umständen gebeutelten Formation gelingt 28 Jahre zu funktionieren, dann zieht das zwangsläufig gewaltige Veränderungen nach sich. Von Ferdinand Rathke

Insgesamt acht Musiker verschlissen, aber auch an diversen Süchten einzelner Mitglieder fast zugrunde gerichtet haben sich die Red Hot Chili Peppers – und möglicherweise gerade deshalb überlebt, weil sie an ihren Aufgaben und Herausforderungen gewachsen sind. Aus anfänglich vier auf puren Hedonismus ausgerichteten Amerikanern, die zu Karrierebeginn noch, um im Wust der Neuerscheinungen aufzufallen, viel blanke Haut zeigten und sich über die Männlichkeit eine rote Stricksocke zogen, entwickelte sich ein virtuoses Musikerkollektiv, dem es gelungen ist, seine Vorstellung von perfekter Klangbeschallung, die vor allem durch deutsche Kraut-Rock-Legenden wie Can und Faust geprägt wurde, kontinuierlich fortzusetzen.

Gewinnspiel: Das neue Album der Red Hot Chili Peppers

In der seit Wochen ausverkauften Frankfurter Festhalle präsentieren sich Red Hot Chili Peppers mit dem quirligen Neuzugang Josh Klinghoffer an der Gitarre, der Langzeitwegbegleiter John Frusciante ersetzt, als perfekt lebendige Einheit: Vom Auftaktsong „Monarchy Of Roses“, einer von vier Songs aus dem aktuellen Werk „I’m With You“, bis zum monströsen Jazz-Rock des finalen Jams mit Femi Kuti und Mauro Recchi, beides Mitglieder des fantastischen Vorprogramms Femi Kuti & Positive Force aus Nigeria, lautete die Botschaft der um zwei zusätzliche Musiker an Perkussion und Keyboards auf Sextettgröße erweiterten Kalifornier: Jetzt erst recht! Machten doch schon seit Monaten Gerüchte die Runde, die neue Besetzung reiche von der Intensität nicht an jene nach dem großen internationalen Durchbruch 1991 mit dem Meilenstein „Blood Sugar Sex Magic“ heran.

Impressionen vom Konzert

Red Hot Chili Peppers in der Festhalle

Gewiss, die beiden Gründungsmitglieder, Sänger Anthony Kiedis und Bassist Michael „Flea“ Balzary, aber auch Schlagzeuger Chad Smith, der seit 1988 trommelt, mögen mittlerweile alles Endvierziger sein, doch Enthusiasmus, Leidenschaft und Spielfreude fühlen sich bei kristallklarem Sound in der schwierig zu beschallenden Riesenarena und einer tollen Bilderflut auf riesigen LED-Bildschirmen an wie die von Anfangszwanzigern.

Wie auf Adrenalin gepolte Derwische wirbelt das Front-Trio zwei Stunden lang über die riesige Bühne, wenn Altes sich mit Neuem verbindet und zwischendurch auch mal ordentlich improvisiert wird. Zum zweiten Song „Dani California“ schon zieht der anfänglich noch mit Baseballkappe ausstaffierte Kiedis Jacke, T-Shirt und Unterhemd aus. Flea hat sich, wie gewohnt, erst gar nicht die Mühe gemacht, seinen durchtrainierten Athletenkörper abgesehen von einer Dreiviertelhose zu verhüllen.

Red Hot Chili Peppers wissen, ohne dabei anbiederisch zu wirken, was sie dem Publikum schuldig sind: Unersetzliche Klassiker wie „Otherside“, „Can’t Stop“, „By The Way“ und „Californication“ in atemberaubenden Versionen auf der Bühne, damit im Gewühl davor die Party ordentlich steigen kann. Überraschungen wie eine fulminante Neuinterpretation von „Fire“ der Jimi Hendrix Experience oder eine pumpende Funk-Fassung von Stevie Wonders „Higher Ground“ inbegriffen. Von Altersmilde also keine Spur. Doch erst im auf vier Zugaben ausgeweiteten Finale erklingen zwei Hymnen, auf die alle warten: „Under The Bridge“, die Obdachlosen-Ode, tönt zerbrechlich emotional, der Party-Muntermacher „Give It Away“ mit Femi Kuti am Saxofon kräftig, urwüchsig und kein bisschen angestaubt.

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