Reigen schöner Cello-Geister

Das Violoncello hatte beim Pro-Arte-Konzert in der Alten Oper Hochkonjunktur. Kein Geringerer als Mischa Maisky beflügelte das Württembergische Kammerorchester Heilbronn, der mit gleich drei Konzertstücken seinen Ausnahmestatus bestätigte. Ein feinnerviger Vorspieler, dessen intensive Körpersprache Dirigenten eigentlich überflüssig macht.  Von Klaus Ackermann

Dagegen hat naturgemäß der junge armenische Maestro Ruben Gazarian etwas. Ist doch der Armenier ein akribischer Impulsgeber, der zu inspirieren versteht. Schon in einem Jugendwerk von Leos Janacek (1854-1928), der in seiner Suite für Streichorchester der Romantik verpflichtet bleibt, weitgehend verschont von vertrackten Rhythmen und schrägen Akkord-Ballungen.

Das pendelt zwischen einem Hochgefühl beschwörenden Prélude und lustvoll erkundetem Wagner-Chroma, greift auf barocke Sarabande wie aufs klassische Scherzo zurück, sorgt für einen beredten Dialog der hohen und tiefen Streicher und schafft nach aufbegehrendem Moll abrupt die Wende zum finalen Dur. Mittendrin ein feinfühliges Violoncello-Solo. Mit Mischa Maisky – noch im schwarzen Kittel.

Dessen hypersensibles Durchdringen von Tschaikowskys Nocturne für Violoncello und Streichorchester cis-Moll (nach dem Klavierstück op. 19/4) macht aus dem Nachtstück eine Elegie. Und weil es in Moll ebenso tiefgründig weitergeht, gestatten Maisky und Gazarian nur den Bruchteil einer Pause zum „Kol Nidrei“ für Violoncello und Streicher des Tschaikowsky-Zeitgenossen Max Bruch, der auf hebräischen Melodien gründet.

Leidenschaftliche Züge

Das Liturgische scheint eingebettet in hochromantische Prosa, die der Solist in leidenschaftlichen Schüben zelebriert. Die feine Dynamisierungskunst der Württemberger Streicher kommt auch dem Mozart-Zeitgenossen Luigi Boccherini zu Gute, dessen Cellokonzert D-Dur Maisky verinnerlicht hat – jetzt im blauen Kittel. Etwa in der feinfühligen Adagio-Arie, bei einprägsamer Dreiklangs-Thematik und starkem virtuosem Durchzug in den Kadenzen. Beifall verpflichtet zu einem weiteren Akt, Johann Sebastian Bachs Solo-Suite Nr. 2, bei deren Sarabande sich Maisky viel Zeit für Empfindsamkeit nimmt.

Die bestimmt zumindest das Andante cantabile der Kammersinfonie op. 11a nach dem 1. Streichquartett von Tschaikowsky, die der russische Dirigent und Viola-Solist Rudolf Barschai für Streichorchester bearbeitet hat. Es sind die vertrauten romantischen Geister, die – auch in eigenwillig verschobenen Rhythmen und russischer Folklore nachempfunden – Revue passieren. Im delikaten tänzerischen Reigen wie im finalen Allegro gius to mit seinem klanglichen Hell und Dunkel, allemal ein weiterer Beleg für das hohe Gestalter-Niveau der Württembergischen Streicher, ein jeder zu Solotaten fähig. Konsequent, dass im Programm der erste Cellist solistisch das (vor)letzte Wort hat ...

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