Der reinen Lehre treu

Um das Jahr 1980 galt der Punk allgemein für tot, doch fern seines Epizentrums London gab es in Amerika eine Reihe von Bands, die unverdrossen an einem Fortbestand, ja gar einer Weiterentwicklung strickten. Agnostic Front gehörten zur Gründergeneration des Hardcore. Von Stefan Michalzik

Gemeinsam mit Bands wie den Plasmatics und den Suicidal Tendencies führten sie die ungleichen Brüder Punk und Metal zusammen.

Ein Hohepriestertum der reinen Lehre verband sich mit einer weltoffenen musikalischen Auffassung. Mit dieser Haltung kann man offensichtlich gut alt werden. Zumindest präsentieren sich Agnostic Front bei einem Konzert in der Frankfurter Batschkapp in prächtiger Verfassung.

Das 1980 im Umfeld des legendären New Yorker Clubs CBGB’s gegründete Quintett hatte sich 2004 nach fünf Jahren der Trennung wieder zurückgemeldet. Das Gründungsmitglied Vinnie Stigma an der Gitarre und der wenig später hinzugestoßene Sänger Roger Minet haben einige jüngere Musiker um sich geschart. Es ist ein verschworener Haufen, der sich da präsentiert. Das Bild des Outcasts in genretypischer Rockermontur wird sorgfältig kultiviert. Der am ganzen Körper tätowierte Stirnbandträger Minet grunzt und raunzt mit einer derartigen Verve, dass es eine Pracht ist.

Die Musik kennzeichnen kantige Riffs, die Turbo-Rhythmik lässt bisweilen Anleihen beim Speed Metal erkennen. Agnostic Front sind nicht ganz streng die „alte Schule“, mitunter lehnen sie sich auch an Industrial an.

Im Publikum befinden sich auch einige Skinheads, wobei man bei der Gelegenheit daran erinnern sollte, dass es verschiedene Fraktionen gib, Skinhead also keineswegs automatisch mit rechtsradikal gleichzusetzen ist. Vor der Bühne tobt der Pogo-Kessel, auch formiert man sich mal zum gemeinsamen Kreiseltanz. Was die Stimmungswogen angeht, ist der Oi-Punk-Klassiker „Gotta Go“ die Krönung des Repertoires.

Hier scheint alles zu sein wie in alten Zeiten. Die Musik aber ist nicht gealtert. Bei sich bleiben und sich erneuern. Diese aufgeklärte Form ist wahrscheinlich die höchste Stufe der „reinen Lehre“.

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