Reise zu Rändern

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Musikalischer Brückenschlag: Steffen Schorn trifft mit der hr-Bigband auf mongolischen Obertongesang.

Männlich, über 50 Jahre alt: Jazz hat eine Zielgruppe, aber das muss nicht so bleiben. Zumindest versucht das unter hr-Fittichen stehende Jazzfestival in Frankfurt beharrlich, Hörerschaft und Horizonte zu erweitern. Von Carsten Müller

Die Organisatoren Guenter Hottmann, Ulrich Olshausen, Olaf Stötzler und Peter Kemper suchen in der weltweit vernetzten Jazz-Gemeinde nach interessanten Randerscheinungen. Die 41. Auflage im hr-Sendesaal holt nicht zugkräftige Stars auf die Bühne, sondern gemäß dem Motto „Jazz im globalen Dorf“ regionale Dialekte und ethnische Eigenarten.

Das hr-Orchester unter der Leitung von Orjan Fahlström gibt schon zur Eröffnung unter dem Titel „Tuvawabohu“ das Motto vor, in einer spannenden Begegnung von Obertongesang und Pferdekopfgeige aus der Mongolei mit Steffen Schorns Klangarsenal. Lokalkolorit trägt der Frankfurter Bassist und frisch gebackene Träger des Hessischen Jazzpreises, Stephan Schmolck, mit Harm-o-troniX ein. Auf kreolische Wurzeln besinnt sich der britische Multi-Instrumentalist Courtney Pine, auf seine eigenen wie die von Sidney Bechet, dem aus New Orleans stammenden und in den Fünfziger Jahren in Paris zur Berühmtheit aufgestiegenen Saxofonisten.

Gopalnath hat Ruf einer Legende

Fündig wurde man unter anderem in Indien, wo Kadri Gopalnath seit vielen Jahren traditionelle süd indisch-karnatische Musik auf einem westlichen Instrument spielt, dem Altsaxofon. Das galt lange Zeit als Tabubruch, heute hat Gopalnath den Ruf einer Legende. Im Band-Projekt Kinsmen begegnet er dem indisch-stämmigen New Yorker Altsaxofonisten Rudresh Mahanthappa, eine neue Spielart des alten Themas „East meets West“ wird für den Freitag annonciert.

Raritäten haben auch die Pianistin Aki Takase und der Bassklarinettist Rudy Mahall im Programm, die mit der hr-Bigband Werke von Eric Dolphy spielen. Als Solist hat der in Offenbach lebende hr-Bigband-Saxofonist Tony Lakatos für sein Projekt Gipsy Colours seine weit verzweigte und vielseitig begabte ungarische Familie zusammengetrommelt.

41. Deutsches Jazzfestival vom 28. bis 31. Oktober. Karten gibt es unter z 069 155-2000.

Kangaba heißt das Dorf in Mali, aus dem der Balaphonspieler Lansiné Kouyaté stammt. Kangaba ist auch der Name des Projekts, das den Afrikaner mit dem Franzosen David Neerman verbindet und den Klang der hölzernen Stäbe des Balaphons mit den metallenen des Vibraphons zu einer Mischung aus Dub und Mali-Blues. Ebenfalls am Samstag zu hören ist der Hawaiianer Jake Shimabukuro, ein Virtuose an der Ukulele und mittlerweile Star auf Youtube. Der Amerikaner spielt George Harrisons „While My Guitar Gently Weeps“ und Queens „Bohemian Rhapsody“ ebenso schnellfingrig auf vier Saiten wie Werke von Chick Corea und Gustav Mahler. Ebenfalls am Samstagabend gastiert Fusion-Pionier Bill Evans, der schon bei Miles Davis Saxofon blies, mit seiner Band Soulgrass, die dem konservativen Bluegrass Leben einhauchte. Gast seines Projekts ist Sam Bush, Star der Mandoline aus den USA, mit der Band New Grass Revival gleichfalls auf Nashvilles staubigen Pfaden unterwegs.

Das Festival endet mit dem Kinderkonzert unter dem Motto „Die kleine Maus trickst alle aus“. Saxofonist Jan Klare hat die Sonntags-Matinee im Schulunterricht vorbereitet – mit Blick auf eine deutlich jüngere Zielgruppe.

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