Respekt für souveräne Veteranen

Paul Kuhn wollte nicht mehr dabei sein. Da sagte Max Greger wegen Krankheit ab – Kuhn sprang ein. Ein Jahrzehnt lang touren drei alte Herren als Swing-Legenden mit der SWR-Bigband. In der bestens besuchten Alten Oper Frankfurt war abweichend von der Besetzung Greger, Kuhn und Hugo Strasser Bill Ramsey dabei, die Kessler-Zwillinge traten als Gäste auf.

Nach dem Krieg gab es eine Allianz von Unterhaltung und Jazz in Deutschland. Die Amerikaner brauchten mit dem in der NS-Zeit verbotenen Swing einen Rhythmus mit, der Freiheit verhieß. Musiker wie Greger, Kuhn und Strasser spielten als Jazzsolisten in den Amiclubs. Ramsey, der als GI gekommen war und beim Soldatensender AFN moderierte, schrieb sich in die Geschichte des Schlagers mit einigen Nummern ein, die latent swingen. Es waren nur Spuren von Jazz, die unter den Vorzeichen der Unterhaltung blieben. In den 60er und 70er Jahren gab das Tanzorchester Gregers den Begleiter zu TV-Shows, Strasser lieferte regelmäßig die Tanzplatte des Jahres ab. Erst im Rentenalter fanden sie zu ihrer Passion zurück.

Kuhn, in wenigen Tagen 81 Jahre alt, mag das Laufen zunehmend schwer fallen, er kokettiert mit seiner Vergesslichkeit. Aber wenn er singt oder Klavier spielt, beides mit lässigem Gestus im Geist der Reduktion, scheint für einen Moment alle Unbill vergessen. Strasser, Meister einer an Benny Goodman geschulten Eleganz an der Klarinette, wirkt noch rüstig; Ramsey, Typ Stimmprotz, nicht minder. Alice und Ellen Kessler wirbeln mit 73 Jahren immer noch wunderschlank über die Bühne und singen im Las-Vegas-Stil mit sächsischer Färbung des Englischen. Männer dürfen alt werden, Frauen müssen schön bleiben.

Ein Abend mit der „Zuckerpuppe aus der Bauchtanztruppe“, mit Duke Ellington, Glenn Miller und Songs aus dem Repertoire von Nat King Cole und Frank Sinatra. Letztlich sind Greger, Kuhn & Co. mit dem Versuch, den US-Jazz der 30er und 40er in die deutsche Unterhaltung der 50er und 60er zu tragen, auf halbem Weg stehen geblieben. In Jazzer-Kreisen rümpfte man die Nase. Heute zollt man den souveränen Veteranen Respekt; nicht zuletzt weil sie noch Spaß haben. STEFAN MICHALZIK

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