Fazil Say beim Rheingau-Festival

Der auf den Tasten tanzt

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Rheingau-Preisträger Fazil Say

Geisenheim - Vor dem Preis der Schweiß: Einmal mehr hatte sich Fazil Say, diesjähriger „Artist in Residence“ des Rheingau Musik Festivals, eine Radikalkur an Tasten verordnet. Von Klaus Ackermann

In Werken von Janacek, Prokofjew und Mussorgsky ließ er seinem unerbittlichen Gestalter-Drang freien Lauf, den fulminanten Klavierabend auf Schloss Johannisberg mit einer Eigenkomposition zum Richard-Wagner-Jubiläum krönend. Dann erhielt der außergewöhnliche Künstler den mit 10 000 Euro dotierten Rheingau-Musikpreis 2013. Allemal zu Recht, wie auch der anhaltende Beifall für den türkischen Pianisten und Bürgerrechtler unterstrich. „Nietzsche und Wagner“ nennt Fazil Say seine Neukomposition, erst wenige Tage zuvor beim 11. Bayreuther Klavierfestival vom Urheber uraufgeführt. Dem sachlichen Titel stehen zwei hochemotionale Charakter-Porträts entgegen, die den glühenden Wagner-Verehrer Say offenbaren. Harsch, ja nahezu aggressiv kommt der Philosoph und Wagner-Freund Nietzsche daher, der später zum Feind mutierte. Viel Klavierdonner auf ostinater, rhythmisch scharf artikulierter Struktur, Zarathustra, persischer Religionsstifter und von Nietzsche zum fiktiven Denker erkoren, scheint hier das Fürchten zu lehren.

Selbstdarsteller im besten Sinne

Die harte Klavierprosa kontrastiert der Komponist mit klanglichen Lyrismen und Impressionismen, die Themen aus Wagners Liebesdrama „Tristan“ zitieren, mit einem Schleier versehen, wie improvisatorisch am Klavier durchdrungen. Eine neoromantische Annäherung an zwei große Antipoden, deren exzentrisches Wesen Fazil Say nicht fremd sein dürfte. Denn auch der Pianist ist ein gnadenloser Subjektivist, ein Selbstdarsteller im besten Sinne. Dazu mit hohem konzertanten Anspruch, wie schon die selten zu hörende Sonate „Von der Straße“ des Tschechen Leos Janacek dokumentiert. Anlass war der Tod eines Demonstranten während der Brünner Straßenkämpfe zwischen deutschsprachiger und tschechischer Bevölkerung anno 1905. Mitsingend und spürbar mitleidend wühlt sich Say in diese „Vorahnung“ und „Tod“ verkündende und auch bohrende Fragen stellende Trauerode. Auf den Tasten zu tanzen scheint der Pianist in der Klaviersonate Nr. 7 B-Dur des Russen Prokofjew, Abbild eines schlimmen Weltkriegs. Den Kontrast aus hammerharter Toccata und nachhaltigem, schmerzvollem Melos verstärkt Say noch durch unbändigen rhythmischen Drive, der an jazzigen Bebop erinnert.

Klavieristische Sprengkraft

Seine Art, ein Werk zu vereinnahmen und wie gerade entstanden herauszugeben, wird vor allem bei den populären „Bildern einer Ausstellung“ von Mussorgsky evident, mit der Promenade als verbindendes Element, die Say hart hämmert, mal wie aus großer Distanz spielt und dabei sogar in die Klavier-Saiten greift, vom russischen Komponisten keineswegs autorisiert. Märchenhafte Ansichten, etwa die eines alten Schlosses, wechseln mit einem virtuosen „Ballett der Küken“, bei Say keineswegs putzig, sondern nachdrücklich gespielt. Die alte Hexe Baba Yaga hat klavieristische Sprengkraft - und „Das große Tor von Kiew“ wird zum breit ausgespielten Hymnus. Dass bei all den grandiosen Steigerungen am Ende ein wenig die Luft raus ist, fällt kaum ins Gewicht. Den musikalischen Brückenbauer kennzeichnet auch die eigens komponierte Zugabe, Orient und Okzident vereinend. Mit einem romantischen Sehnen, das anrührt.

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