Masken und Dopplungen

Geisenheim - Die Perspektiven waren verschoben: Schubert war zu hören, allerdings in der Ausdeutung von Franz Liszt. Auch Mozart, jedoch in der Adaption von Ferruccio Busoni. Von Axel Zibulski

Und schließlich Chopin, Paganini, als Stilzitat aufscheinend in Robert Schumanns Klavierzyklus „Carnaval“. Zahlreiche Masken also waren im Spiel, als Kirill Gerstein jetzt beim Rheingau Musik Festival auf Schloss Johannisberg gastierte.

Das klug konzipierte und konzentriert ausgeleuchtete Programm des 33-Jährigen begann mit Johann Sebastian Bach. In der sechsten Englische Suite d-Moll BWV 811 wertete Gerstein die Tanzsätze sinnvoll auf – die Gavotten zu weltentrückt leichten Diskant-Träumereien, die scharf dagegen geschnittene Gigue zur dunkel-strengen Kraftprobe, detailgenau in der Diktion, unerbittlich klar, im Anschlag äußerst differenziert.

Das alles sollte später ein anderes Werk ungemein erhellen: Jene Klavier-Variationen, die Johannes Brahms über das Thema von Niccolò Paganinis 24. Violin-Caprice komponierte, changierten wunderbar zwischen der Dichte und Komplexität des Brahms-Satzes und ihren verspielt-virtuos gehaltenen Einprägungen. Ein italienisch gelichteter Brahms, der Gersteins Gespür für doppelte musikalische Schichten deutlich aufzeigte.

Als weiteres Leitmotiv prägte der Tanz den anregenden Klavierabend, nicht nur in den Suiten-Sätzen Bachs, sondern auch in Carl Maria von Webers „Aufforderung zum Tanz“ op. 65, unerhört gläsern, filigran gehalten. Dass bei Gerstein weit weniger Kraft als Nuancen und Farben den Klang prägen, hatte Franz Liszts Schubert-Adaption einer „Valse Caprice“ ebenso gezeigt wie Ferruccio Busonis knappe Folge von „Giga, Bolero e Variazione nach Wolfgang Amadeus Mozart“.

Am Ende standen die 22 konzisen Sätze von Robert Schumanns „Carnaval“ op. 9. In der feinsinnigen Ausdeutung Gersteins wurden sie zu 22 äußerst konturiert nachgebildeten Masken, von Pierrot und Harlekin, von Schumanns imaginären Kontrast-Charakteren Eusebius und Florestan oder eben, im Stilzitat, von Chopin und Paganini. Ein Kaleidoskop, von klaviertechnischen Mühen denkbar weit entfernt. Daran schloss sich sogar die stilistisch weit entfernte Zugabe treffend an; noch einmal Tanz, noch einmal Namens-Doppel: George Gershwins „I got rhythm“ in der Bearbeitung von Earl Wild.

Rubriklistenbild: © Elisabeth Erbe/pixelio.de

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