Im Rhythmus auf- und untergegangen

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Hancock, der Mann am Klavier

Herbie Hancock ist ein tragischer Fall. Sein Spiel auf Grundlage des Hardbop wies ihn anfänglich als großartigen Pianisten aus. Von Stefan Michalzik 

Schon beim legendären Label Blue Note in den 60ern aber trug seine Musik konservative Züge, während er im Quintett von Miles Davis an der Entwicklung zur Fusion teilnahm. Das trug ihm Platinstatus und Grammys ein, derweil seine Potenz als Jazzer verkümmerte. Ein großes Publikum freilich wusste er auf seiner Seite.

So ist Hancock mit 70 Jahren noch die erste Wahl für die Jazznights in Frankfurts Alter Oper, Hort publikumswirksamer Innovationsferne. Schlagzeuger Trevor Lawrence Jr. betritt als Erster die Bühne, gefolgt von Bassist James Genus. Beide legen einen Groove vor, der weite Teile des Abends bestimmt. Die ganze Band – Gitarrist Lionel Loueke und Keyboarder Greg Phillinganes kommen dazu – fungiert als Rhythmusgruppe. Der Chef geht darin auf und unter.

Gastvokalisten: Chaka Khan und Tima Turner

„The Imagine Project“, das neue, weltmusikalisch geprägte Album, ist eine Kollektion von Popstandards, die Hancock mit Gastvokalisten wie Chaka Khan, Tina Turner, Los Lobos und Seal eingespielt hat. Im Konzert kann das so perfekte wie ausstrahlungsarme Sangesküken Kristina Train bei durch den Schmalztiegel gezogenen Songs wie John Lennons „Imagine“ oder Bob Dylans „The Times They Are A-Changin“ nicht viel falsch machen. Schauderhaft.

Im einzigen Klavier-Solo bewegt sich Hancock zwischen Spätromantik und Gershwin-Harmonik. Seinen Klassiker „Watermelon Man“ verplänkelt er im elektronischen Getöse. „Cantaloupe Island“ klingt, als covere er die US3-HipHop-Version.

Dinge ausprobieren, die du doch nicht versucht hast: Diese Devise ließ Hancock in einer Ansage anklingen. Das hat er immer wieder getan; mag auch etwa das elektrofuturistische Album „Future Shock“ von 1983 samt dem Hit „Rockit“ unter Jazzfans umstritten sein. Das ist das Paradoxon und die Crux: Er hat sich an neuen Horizonten festgefahren – und sich als Instrumentalist nicht weiterentwickelt ...

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