Julia Fischer und das RSO Stuttgart beim Rheingau Musik Festival

Risse in der heilen Welt

Wiesbaden - Nur milde pocht das Schicksal in Beethovens poesievollem Violinkonzert, mit dem Julia Fischer die Solisten-Messlatte beim Rheingau Musik Festival früh hochhängt. Schicksalhaft dagegen die 5. Von Klaus Ackermann

Sinfonie, in der Dmitri Schostakowitsch nur vordergründig Frieden mit Sowjet-Diktator Stalin schloss, bei dem er in Ungnade gefallen war. Herbe Kontraste also im ausverkauften Wiesbadener Kurhaus, auf den Punkt gebracht vom Radio-Sinfonieorchester Stuttgart, mit dem der russische Dirigent Andrey Boreyko ein starkes Rheingau-Debüt gab.

Wirkt der Paukenauftakt noch ein wenig unverbindlich, tönt das groß angelegte melodiesatte Entree des Orchesters maßvoll, so elektrisiert das spannungsvolle Spiel der jungen Solistin von Anbeginn. Ein spannungsvoller Dialog in Dur und Moll, immer feinfühlig, aber von Fischer auch energisch geführt, deren Guadagnini-Violine vor allem im klanglich delikaten Larghetto betörend tönt.

Das Material in druckvoller Zweistimmigkeit immer wieder neu zusammenfügend, erlaubt sich Fischer bei den Kadenzen (vermutlich selbst gestrickt - Beethoven zumindest hat keine hinterlassen) auch virtuose Freiheiten, die nach dem zweiten Satz attacca in ein figurenreiches und klanglich ideal austariertes Rondo übergehen. Schön ist die Welt, selbst im Beethoven-Moll oder der Zugabe, einer kontrapunktischen „Obsession“ von Eugène Isaye, den die jüngere Geiger-Generation zu verehren scheint.

Schön ist Schostakowitschs Welt eingangs der Sinfonie Nr. 5 d-Moll im sperrigen Intervall-Thema keineswegs, das im spätromantischen Nachbeben gebändigt scheint; mit empfindsamer Nuancierung auf leisem orchestralen Grund, was russische Dirigenten überaus schätzen. Unheil braut sich in einem sarkastischen Militärmarsch zusammen, die Bilanz wird indes Unisono verkündet, ehe idyllischer Flötenton versöhnlich verhaucht.

Doch der suggestive Dirigier-Bilder schätzende Boreyko lässt es auch knallen, ja sogar orchestral blöken. Im derb-robusten Scherzo mit kammermusikalischem Kern. Ironie ist hier kein Fremdwort, es folgt ein unendlicher Klagegesang, in wildes Moll überführt, doch über allen Wipfeln Ruh’ schafft dann der Celesta feines Klingeln.

Das finale Allegro tönt in rabiater Fröhlichkeit, mit Streicher-Samt und Holzbläser-Seide einem Breitwand-Western zur Ehre gereichend. Allein die schrillen Sirenen der hervorragenden Blechbläser und ein Kesselpauker, der scharf schießt, signalisieren unterschwellig: Die heile Welt hat Risse …

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