Rock-Legende mit Stil

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Im Alter von 74 Jahren ist der einst wüste Jerry Lee Lewis zahm geworden: Das Klavier in Höchst blieb unzertrümmert.

Frankfurt - Das Klavier ist nicht in Flammen aufgegangen. In seinen großen Tagen hat er es hart traktiert, mitunter ramponiert und manchmal sogar angezündet. Von Stefan Michalzik

Das Plakat zur derzeitigen Konzertreise wirbt mit dieser rockhistorisch mythologisierten Spektakelnummer, die ihm den Beinamen „The Killer“ eingetragen hat. Jerry Lee Lewis ist, mit dem Titel seines letzten Albums gesprochen, der „Last Man Standing“ – der letzte Überlebende des „Millionen-Dollar-Quartetts“ um ihn, Johnny Cash, Carl Perkins und Elvis Presley, das Mitte der 50er Jahre aus den Sun Studios des Produzenten Sam Phillips in Memphis hervorgegangen ist.

Man müsse ihn einfach mal gesehen haben, sagt jemand nach dem Konzert in der Ballsporthalle Frankfurt-Höchst. Es geht an diesem Abend um die Betrachtung einer Legende. Lewis war nicht zuletzt Begründer des Rock’n’Roll-Lebensstils. In gerade mal zwei Jahren, 1957 und 1958, hat er seine vier großen Hits gelandet, allesamt Klassiker des Rock’n’Roll. Die populärsten, „Whole Lotta Shakin’ Goin’ On“ und „Great Balls Of Fire“, spielt er am Schluss.

Es ging schlicht und direkt um Sex

Seinen persönlichen Stil hatte Lewis aus einer Verbindung von Rhythm’n’Blues, Country und Boogie entwickelt. Elvis war der Mädchenschwarm, Lewis der wüste Rocker. Das weiße Pendant zum wilden und verrückten Little Richard, dessen Vorbild er viel zu verdanken hat. Es ging nicht um Schmusen und Händchenhalten, sondern schlicht und direkt um Sex. Alles an Lewis’ Musik war Attacke. Die Tastatur seines Klaviers bearbeitete er mit Clusterschlägen unter Einsatz von Fäusten, Ellbogen und Füßen. 1958, auf der Höhe seines Erfolgs, heiratete der 22-Jährige in dritter Ehe seine 13-Jährige Cousine, formal bigamistisch. Lewis war daraufhin geächtet, wurde im Radio nicht mehr gespielt, verfiel nach familiären Schicksalsschlägen Suff und Drogen, überwinterte im Exil der Countrymusik und kehrte ein Jahrzehnt später im Status der von einstigem Ruhm zehrenden Legende zurück.

Es war viel Vorprogramm in der bei weitem nicht ausverkauften Halle – die famose Rockabilly-Revival-Showgruppe Boppin’B aus Aschaffenburg, dann Lees Schwester Linda Gail Lewis, eine souveräne Rock’n’Roll-Unterhalterin. Schließlich durften die Musiker aus Lewis’ Band, gestandene Veteranen von Format, je ein Lied vortragen.

Lewis wirkt so alt, wie er ist

Endlich kam ohne viel Aufheben die Hauptattraktion auf die Bühne. 74 Jahre alt ist Lewis, und so wirkt er auch. Wäre da nicht die amerikanische Country-Montur, könnte man meinen, er wäre aus der Cafeteria eines Seniorenheims gekommen. Er setzt sich ans Klavier, blickt einen Moment in eine ferne Leere und fängt an zu spielen. Viele minder bekannte Songs zunächst, einer an den anderen gesetzt, ohne Ansagen.

Mit den Füßen hat Linda Gail gespielt; Jerry Lee spart sich den peinlichen Versuch. Das Klavierspiel ist bei weitem nicht so kraftvoll wie früher, den Sound bestimmt die Band. Das notorische Großmaul hat einmal gesagt, er sei „einer der vier größten Stilisten der amerikanischen Musikgeschichte“ und lasse neben sich nur Al Jolson, Jimmie Rogers und Hank Williams gelten. Es hat etwas Anrührendes, wie er heute mit einer Bescheidenheit des Alters seine Arbeit tut, immer mal wieder den Anflug eines dankbaren Lächelns zum Publikum richtet – und nicht mehr ...

Am Ende des Duett-Albums „Last Man Standing“ spricht Lewis die Worte, mit denen Johnny Cash sein letztes zu Lebzeiten veröffentliches Album „The Man Comes Around“ eröffnete. Auch im Bewusstsein des näher rückenden Endes zeigt er Stil.

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