Schöne Aussichten auf die Romantik

Frankfurt - Ausgerechnet ein kleines Mäuschen verzögerte den Auftakt im Großen Saal der Alten Oper – sehr zur Freude des Publikums. Von Klaus Ackermann

Offenbar vom Geruch der edlen Instrumentenhölzer angelockt, strich es um die Pulte des Orchestre de Chambre de Lausanne, selbst vom Chefdirigenten Christian Zacharias nicht zu bändigen, der sonst immer alles im Griff hat. Eine resolute Dame aus dem Publikum zog das Nagetier schließlich aus dem Verkehr.

Schade drum, denn die Klassik-Maus versäumte nicht nur das in romantische Bezirke eindringende c-Moll-Klavierkonzert von Beethoven, mit der immer etwas Zwiespalt säenden Personalunion von Solist und Dirigent, sondern auch einen enervierenden Schumann-Exkurs: Schöne Aussichten auf kristallklaren Klang gestatteten Zacharias und das Orchester vom Genfer See in der Sinfonie Nr. 2 C-Dur.

Feiner Klangduft lockt den Frühling

Eingangs feiner Klangduft, der den Frühling locken sollte. Melodiös mild, aber immer einprägsam und harmonisch reizvoll ist die Serenade des Romantikers Edward Elgar, dessen Orchestermarsch „Pomp And Circumstance“ zum britischen Kulturgut zählt, stets die berühmten Londoner Proms beschließend. Feinen Serenaden-Zauber verbreiten die Streicher aus Lausanne so erlesen wie stimmlich wohlsortiert.

Dass Zacharias die weißen und schwarzen Klaviertasten beherrscht wie kaum ein zweiter, weiß man längst. Umso deutlicher daher sein Dirigat beim 3. Konzert von Beethoven, dessen lange Orchesterpassagen die Personalunion zumindest erleichtern. Fixiert auf den Kontrast von dunkel drängendem Moll und lichtem Dur-Melos, liefert der Solist die an Läufen reiche Klaviergarnitur bisweilen flüchtig ab. Souverän dagegen in der wie eine Harfenetüde anmutenden Kadenz, bei dem Zacharias’ Weichstift noch Konturen entwickelt.

Die Romantik scheint im wunderschönen Largo-Lied vorweggenommen, das der Pianist erhaben singt. Während das Rondo Spiellaune pur bezeugt, selbst bei den harschen Bläsereinwürfen bleibt der Choleriker Beethoven außen vor. Dafür ist am großen Flügel wie im Orchester Finesse angesagt. Seine differenzierte Anschlagskunst zelebriert der vielseitige Pianist dann einmal mehr in der zugegebenen Scarlatti-Sonate D-Dur.

Dirigent würde am liebsten selber spielen

 So umsichtig wie Zacharias dirigiert, würde er wohl am liebsten alle Orchesterinstrumente selbst spielen. Sogar die ins Streichorchester bestens integrierten Holz- und Blech-Bläser bei Schumanns Zweiter, die mit angespannten Tempi vonstattengeht. Düsteren Gedanken eingangs folgt ein Aufheller-Thema, das wiederum starkem Leidensdruck ausgesetzt wird – Schumanns psychische Probleme werden evident. Zacharias zeigt hier Emotion, wie er die kompositorische Faktur gewissenhaft durchleuchtet.

Nach einem Geister-Scherzo, das von Choral-Takten abgelöst wird, kommt der beeindruckendste Satz des Abends, ein Adagio espressivo nach Johann Sebastian Bachs Art, das als Beruhigungspille gleich doppelt wirkt. Bevor die positive Wende mit Blechbläser-Repetitionen in Virtuosen-Tempi ihren Lauf nimmt. Die hätte den possierlichen Nager vom Beginn vielleicht zur Tanzmaus gemacht – freilich auch ein Beleg dafür, dass die Alte Oper Frankfurt längst Patina angesetzt hat

Kommentare