London Symphony mit Teufelsgeiger beim Rheingau-Festival

Romantik-Klang in Klarsicht-Hülle

Der typisch britische Nebel war kein Thema: Von seinem Gastdirigenten Daniel Harding ermuntert, bot das London Symphony Orchestra klare Sicht auf sinfonische Gegebenheiten. Als Teufelsgeiger profilierte sich wieder einmal Frank Peter Zimmermann in einem bis in die Zugabe hinein auf Romantik ausgerichteten Konzert des Rheingau Musik Festivals im Kurhaus Wiesbaden.

Adel verpflichtet, hier eine Stradivari aus dem Jahre 1711, die einst dem legendären Geiger Fritz Kreisler gehörte und mit der Zimmermann einen Meilenstein stemmt, das Konzert für Violine und Orchester d-Moll von Jean Sibelius, dem finnischen Spätromantiker. Schon die fahlen Eingangstakte der vibratolos gehandhabten Violinen scheinen eine klangliche Eiszeit anzukündigen, die Zimmermanns Spiel freilich alsbald erwärmt, der die gewichtigen Themengruppen mehrfach in Kadenzen virtuos aufdröselt, ohne den sinfonischen Fluss des Konzerts zu bremsen.

Ob nun figürlich perfekte und stimmlich reine folkloristische Elemente, ein schier sakral abgehobenes Lied oder die raffiniert abgewandelten, eingängigen Motive auf ostinaten orchestralen Rhythmen – wie bei allen Werken, denen sich der geniale Geiger bemächtigt, hat man das Gefühl, mehr geht einfach nicht. Und wenn Zimmermann dann noch Paganinis teuflisch schwere Variationen über die englische Nationalhymne für Violine solo so sicher abzieht, als sei das sein „täglich Brot“, applaudieren selbst die britischen Sinfoniker ehrlichen Herzens.

Aufs dunkle, grüblerische Moll hatte das London Symphony Orchestra schon im Eingangswerk eingestimmt, der Manfred-Ouvertüre von Robert Schumann, Porträt des tragischen Byron-Helden und Inbegriff romantischer Todessehnsucht, die viele Künstler inspiriert hat. Von Daniel Harding auch ohne Taktstock deutlich aufgerufen, kam der satte Streicherklang des britischen Orchesters, seine Akribie im Erforschen der dauerhaften Metamorphose von Themen und Motiven in der zweiten Sinfonie D-Dur von Johannes Brahms gut rüber, ein ungewohnt friedvolles Werk, eine Pastorale mit feinem Holzbläser-Gesang und mildem Hörnerklang, angelegentlich auch von mitreißender Fröhlichkeit. Dennoch ein Brahms der mittleren Temperaturen, der trotz starkem Impuls vom die Dirigier-Schlagzahl erhöhenden Daniel Harding nur Routine abstrahlt.

„Cool“ sind sie halt, die Briten. Auch bei einem Romantiker wie Brahms. Erst bei der zugegebenen „Freischütz“-Ouvertüre von Carl-Maria von Weber ist Inspiration im bravourösen Spiel. KLAUS ACKERMANN

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