Rotkäppchensekt und Instrumentalzauber

In Offenbachs evangelischer Lauterborngemeinde konnte sich Vorleser Rüdiger Kaiser zu seinem Motto „Wie im Himmel, so auf Erden...“ auch manch Unheiliges erlauben, da er die begabte Harfenistin Sonja Fiedler an seiner Seite hatte. Von Reinhold Gries

Texte von Jaroslav Hasek, Elke Heidenreich, Ernest Hemingway, Patricia Highsmith und anderen sorgten für Nachdenklichkeit und Erheiterung. Sehr plastisch geschildert war das Ex-DDR-Weihnachtsidyll zwischen Rotkäppchensekt, Pralinenschachtel und Mandarinenkiste. Ebenso problematisch auch das westliche Gegenmodell, der „Weihnachtsmann“, den es laut Kirche eigentlich nicht geben darf. Und die mit dem Fest verbundene Konsumwelt, der viel von ebenjener Atmosphäre abgeht.

In solcher Warenwelt wirkte die italienische Doppelharfe der Aschaffenburgerin Sonja Fiedler wie aus einem Weihnachtsmärchen. Beim Betrachten wie beim Zuhören verbreitete das edle Instrument mit den 47 Saiten und sieben Pedalen den vermissten Zauber, obwohl die Tochter des Frankfurter Klavierprofessors Bernd Ickert auf weihnachtliche Melodien verzichtete.

Romantisches und Impressionistisches stand auf ihrem Programm, eine weise Entscheidung. Das zeigten schon die ausgedehnten Arpeggien von Marcel Tourniers „Etude du concert“, die Fiedler genauso herrlich fließen ließ wie die anschließenden Spielfiguren von Henriette Renié perlten.

Klangmalerische „Contemplation“ in französisch-charmantester Form. Meisterhaft gespielt auch Michail Glinkas Nocturne, zunächst ruhig und gesungen, dann russisch-dramatisch gesteigert und am Ende in unglaublicher Zartheit hingehaucht.

Auch Fiedlers virtuose Interpretation zu Claude Debussys eigentlich minuziös durchorganisierter „Premiere Arabesque“ wirkte eher frei und variabel. Wie sich das Motiv zu kleinteiligen Ziselierungen verwandelte, immer wieder aufleuchtend und verlöschend, war noch schöner als die Adventskerzen im Kirchenraum. Barocke Festlichkeit mit gemessenem Vollklang brachte Fiedlers Larghetto aus Georg Friedrich Händels Concerto in B-Dur. Modernere Tonalität geriet der jungen Solistin ähnlich brillant: das kunstvolle Allegro und Adagio einer Komposition ihres Vaters, Jacques Iberts schwungvolles Scherzetto und Felix Godefroids diffizile Konzertetüde in es-Moll. Wenn eine Harfenistin dieser Klasse aufspielt, ist immer Weihnachten.

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