Routiniers auf Trab gebracht

Wiesbaden - Sie ist die Geigerin, die am liebsten barfuß auftritt: Beim Rheingau Musik Festival übernahm Patricia Kopatschinskaja den Solo-Part im Konzert für Violine und Orchester D-Dur op. 35 von Peter Tschaikowski. Von Axel Zibulski

Damit brachte die Moldawierin das Gastspiel des Tschaikowski-Sinfonieorchesters Moskau erst richtig in Fahrt. Eröffnet hatte das russische Traditions-Orchester sein Konzert im Wiesbadener Kurhaus nämlich mit dem zuckrigen Konzertwalzer op. 47 von Alexander Glasunow; ein Stück, das dem Ruf des russischen Komponisten als Epigone Tschaikowskis alle Ehre macht. Abzulesen war freilich die enge Vertrautheit des 1930 gegründeten Orchesters mit seinem langjährigen Chefdirigenten Vladimir Fedossejew: Nur sanfte Fingerzeige der linken Hand benötigte er, um das milde Pizzicato-Walzern seiner Streicher zu justieren, das anschmiegsame Bläser-Melos Revue passieren zu lassen – brillant, geschmeidig, aber auch ein wenig routiniert.

Dass eben jene Hochglanz-Routine von Patricia Kopatschinskaja aufgewirbelt wurde, tat der Spannung gut, obwohl manche Tempo-Freizügigkeit der Solistin mit der recht ebenmäßigen Orchester-Begleitung nicht auf den Punkt kommen wollte. Kopatschinskaja spielte die virtuosen Passagen, etwa ihre Kadenz im ersten Satz, durchaus effektvoll, gern mit angerautem Ton, dem Klang Schärfe wie Volumen gebend. Aber sie konnte auch anders punkten, lyrisch rein, leise, schwebend, wie im langsamen Satz, der vom Tschaikowski-Sinfonieorchester am besten mitgetragen wurde. Dass sie die tönende Technik-Schau des Finales ein wenig zur geigerischen Bühnen-Show nutzte, mag dem Geist des Konzerts gar nicht einmal widersprechen.

Mit einer ihr gewidmeten Zugabe („Crin“ von Jorge Sanchez-Chiong) bedankte sich Patricia Kopatschinskaja für den starken Applaus. Gleich drei Zugaben hatte das Tschaikowski-Sinfonieorchester parat, zwei Sätze des Namensgebers (aus dem „Nussknacker“ und der „Schwanensee“-Suite) sowie einen Walzer von Georgi Swiridow. Zuvor hatte Fedossejew die gut halbstündige Ballettmusik „Petruschka“ von Igor Strawinski zum höchst anschaulichen Kaleidoskop tönender Versatzstücke werden lassen, mit ihren schön derb ausgearbeiteten Kirmes-Anklängen und ihren entzauberten Romantik-Verballhornungen. Seit 37 Jahren arbeiten Dirigent und Orchester zusammen: Bei Strawinski klang das Resultat uneingeschränkt frisch und lebendig.

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