Geduld und ein bisschen Glück

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Drücken die Bank der „Charm School“: Per Gessle und Marie Fredriksson.

„Wenn Marie und ich in den 25 Jahren als Band etwas gelernt haben, dann muss es Geduld gewesen sein“, sagt Per Gessle. „Charm School“ (EMI) ist das erste Album des schwedischen Popduos seit der schweren Erkrankung der charismatischen Sängerin Marie Fredriksson. Von Michael Loesl

Und trotzdem hat es die Leichtigkeit und Unbefangenheit der Zeit davor. Geduld und eine gute Portion Glück machte die Schweden 1988 quasi über Nacht zu Weltstars. Ein Student kehrte damals aus Schweden nach Minneapolis zurück und bat einen kleinen Radiosender, „The Look“ ins Programm zu nehmen. Plötzlich hatten Marie Fredriksson und Per Gessle einen Hit in den USA gelandet, ohne dort überhaupt eine Platte veröffentlicht zu haben. Ein halbes Jahr später erreichte die Single Platz eins der US-Charts, kurz darauf in 24 weiteren Ländern.

Das Kunststück wurde mit „Listen To Your Heart“, „It Must Have Been Love“ und „Joyride“ wiederholt. „Natürlich bekam der ehemalige Student inzwischen einen Gold-Award verliehen. vor zwei Jahren widmete ihm das schwedische Fernsehen sogar eine 45-Minuten-Dokumentation für seine Mitschuld an unserem Welterfolg“, erzählt Gessle lächelnd. „Schuld“ waren aber vor allem die zu Markenzeichen perfektionierten Songrezepturen Gessles: Power-Pop-Akkorde, die regelmäßig in derart eingängigen Refrains gipfelten, dass sich ihnen selbst Nörgler nicht entziehen konnten.

Kein Roxette ohne Marie

75 Millionen Platten hatten Roxette verkauft, als am 11. September 2002 Marie Fredriksson zusammenbrach. Kurze Zeit später erhielt sie die niederschmetternde Diagnose: Gehirntumor. „Nach dem ersten Schock traf ich damals zwei wichtige Entscheidungen“, erinnert sich Gessle. „Ohne Marie wollte ich nicht mehr als Roxette firmieren. Unsere miteinander verwobenen Stimmen hatten in meinen Augen enorm zum Erfolg unserer Songs beigetragen. Natürlich redete unser Management nach Maries Operation auf uns ein, weil man uns gern wieder gemeinsam ins Studio und auf die Bühne geschickt hätte. Aber ich beschloss seinerzeit, dass ausschließlich Maries Wille über eine Fortsetzung von Roxette entscheiden sollte.“

Dass Fredriksson ihre Krankheit besiegte, grenzt an ein Wunder. Die Ärzte gaben ihr eine Überlebenschance von fünf Prozent. Und obwohl die Krankheit besiegt scheint, hat der Krebs sie verändert. So absolviert Gessle allein die Präsentation des Albums, weil Frederikssons nahezu perfekte Kenntnisse der englischen Sprache verloren gegangen seien. „Ihr Kurzzeitgedächtnis muss sie langsam und behutsam wiedergewinnen. Ich schätze, der wahre Grund dafür, dass sie nicht an diesen Interviews teilnimmt, liegt in ihrer Unsicherheit begründet. Die Popwelt kann gnadenlos sein. Du musst funktionieren, was für einen sehr sensiblen Charakter wie Marie mitunter schwer zu tragen ist.“

Immerhin entschied sie spontan über die gemeinsame Zukunft. Als sich Gessle vor zwei Jahren auf einer Solo-Tournee befand, überraschte Fredriksson ihn in Amsterdam mit ihrem unerwarteten Auftauchen auf der Bühne. „Wir spielten zwei Roxette-Songs und das Publikum weinte vor Rührung“, sagt Gessle. „Marie und ich waren so gerührt von dieser Reaktion, dass sie noch an diesem Abend eine Fortsetzung von Roxette beschloss.“

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