R.P.S. Lanrue kommt ins Rhein-Main-Gebiet

Rückkehr der Rodgau-Rebellen

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Ralph Peter Steitz (links), der sich später R.P.S. Lanrue nannte, kommt mir Ton, Steine, Scherben in die Batschkapp.

Offenbach - Von Nieder- Roden nach West-Berlin: Ralph Christian Möbius und Ralph Peter Steitz alias Rio Reiser und R. P. S. Lanrue waren die kreativen Köpfe der Band Ton, Steine, Scherben, die nun nach Frankfurt kommt. Von Detlef Kinsler 

Das Erbe der legendären, 1985 aufgelösten deutschen Rockband Ton, Steine, Scherben verwalteten lange Jahre andere, zumindest was die Aufführung der Musik betraf. Da tourten ehemalige Musiker aus der fünfzehnjährigen Bandgeschichte etwa unter bedeutungsschwangeren Namen wie Neues Glas aus alten Scherben.

Erst 2010 standen die Originale für eine Hommage an ihren 1996 verstorbenen Sängerin Rio Reiser wieder gemeinsam auf der Bühne und Gitarrist R.P.S. Lanrue fing wieder Feuer. „Die Lieder wollen irgendwie raus, wollen wieder gespielt werden“, wurde das Gründungsmitglied seither immer wieder zitiert. Im April 2014 war es dann soweit, Ton, Steine, Scherben gingen wiederauf Tournee. Ein Test, der so erfolgreich verlief, dass „Ding Ding Dang Dang“ (so das Tourmotto) 2015 in die zweite Runde geht.

Neuer Verstärker für die Gitarre

„Die Lieder sind gut, sie sind aktuell. Ich hatte meine Gitarre, habe mir einen neuen Verstärker gekauft und bekam Lust wieder zu spielen - mit einer Band mit der ich mich gut verstehe“, erläutert Lanrue das Comeback im Interview mit unserer Zeitung. „Außerdem kann ich im Februar 50 Jahre Bühnenpräsenz feiern. „Da bin ich mit Rio im Schwesternhaus in Nieder-Roden aufgetreten, dort hatten wir unseren ersten Auftritt.“

Im zarten Alter von zwölfeinhalb Jahren kam der in Grenoble geborene Lanrue nach Rodgau. „Kurz vor meinem 14. Geburtstag habe ich Rio kennen gelernt. Ich war damals Schlagzeuger und suchte einen Gitarristen für einen Auftritt“, erzählt der Jahrgang 1950.

Ralph Peter Steitz - so sein bürgerlicher Name - lernte Dekorateur in Offenbach, Ralph Christian Möbius, der sich später Rio Reiser nennen sollte, machte eine Ausbildung bei einem Fotografen in Bieber. Im Zug konnte man Pläne schmieden.

Die erste Band der jungen Wilden hieß Beats Kings. Schließlich coverte man Kinks, Pretty Thing, The Who. „Meistens die B-Seiten der Singles“, lacht Lanrue. Ein erster Hinweis auf Nonkonformismus und einen rebellischen Geist. „So hat sich das dann entwickelt, wir hatten diverse Auftritte. Seitdem waren wir zusammen.“

Sprachrohr der linken Szene

Ton Steine Scherben gastieren am 19. Januar in der Frankfurter Batschkapp.

Mögen die Scherben auch erst in West-Berlin gegründet worden sein, um dann als Sprachrohr der linken Szene in die Annalen einzugehen, brachte ausgerechnet ein CDU-Mann, nämlich Nieder-Rodens Ortsvorsteher Steffen Hartmann, im Vorfeld zum zehnten Todestag ein Denkmal für Rio Reiser, das „Paradebeispiel eines Revoluzzers und Anarchisten“, in die Diskussion. Ein Vorstoß, über den sogar in der „Süddeutschen Zeitung“ berichtet wurde. Kann man Nieder-Roden also tatsächlich als die Keimzelle der Scherben bewerten? Die vielleicht überraschende Antwort von Lanrue: „Ich bin auf jeden Fall nicht erst in Berlin sozialisiert und agitiert worden“, erinnert er sich an eine schöne Jugendzeit („Wie ein Paradies.“). Aber dann kam die brutale Realität. „Wir haben damals im sozialen Wohnungsbau gewohnt, meine Mutter ist wegen eines Arztfehlers 1969 verstorben, dann bin ich konfrontiert worden mit der Ärztekammer. Das soziale System war damals extrem, man konnte nicht zu dem Arzt gehen zu dem man wollte, dagegen wollte ich angehen.“ Der Widerstand gegen die Strukturen war geweckt, die Zeit als Messdiener, Pfadfinder und Fußballer geriet in Vergessenheit.

Wenn die Scherben jetzt die Batschkapp rocken, dann spielen sie viele zeitlose Klassiker, „Macht kaputt, was euch kaputt macht“, „Mein Name ist Mensch“, „Keine Macht für niemand“, „Der Traum ist aus“, „Halt dich an deiner Liebe fest“. Solidaritätslieder. Sehnsuchtslieder. Mobilisierungslieder. Anti-Kapitalismus-Songs. Liebeslieder, die schon damals radikaler waren als die politischen: „Wir sind geboren, um frei zu sein“.

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