Von ruhig zu wild

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Phillip Boa wie immer adrett und charmant, so auch am Mittwoch in der Batschkapp.

Frankfurt – Seit einem Vierteljahrhundert „independent“: Phillip Boa & The Voodooclub. Ein ins Alter gekommener Indie-Pop-Star rockt die Batschkapp und lässt den Schweiß von der Decke tropfen. Von Holger Strehl

Viele Künstler kokettieren mit dem Etikett „independent“ (unabhängig), doch in seltenen Fällen sind sie das. Der Druck der Medien und Plattenlabels ist zu groß und die Verführung des Ruhms zu gewaltig. Viele aus der Indierock-Szene stammenden Musiker haben klein angefangen und sind plötzlich doch aus der Ecke der unabhängigen, freien Künstler geflüchtet und haben sich dem Kommerz hingegeben. Doch einer ist anders und das seit einem Vierteljahrhundert: Phillip Boa & Voodooclub.

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Batschkapp

Phillip Boa

Als er mit seiner Freundin Pia Lund 1984 entschied, sich musikalisch selbst zu verwirklichen, gab es weder Ziele noch einen Masterplan. Gefühle und Stimmungen wollten sie zum Ausdruck bringen, einen kleinen Teil zur damaligen Musikbewegung beitragen und ein deutliches Zeichen gegen die kommerzielle Popmusik setzen. Und das gelang ihnen auch. Phillip Boa hob an einem bierseligen Abend den Voodooclub aus der Taufe und bereits die ersten Singles schlugen bei den Kritikern der Musikmagazine ein wie eine Bombe. Gerade in England bestaunte man den eigensinnigen Sound des Ausnahmekünstlers.

Seine Musik ist seit jeher gitarrenlastig und rau und gleichzeitig einfühlsam verpoppt, die Refrains sind meist typische Ohrwurmnummern. Doch zum ganz großen Durchbruch reichte es nie, denn Boa ließ sich auf keine Deals ein, ließ sich nie in seine Arbeit reinreden und blieb stets er selbst. Diese gelebte Unabhängigkeit bescherte ihm eine überdurchschnittlich treue Fangemeinde, die in den letzten 20 Jahren kaum gewachsen ist.

Dieses Phänomen wurde auch am Mittwoch, 8. Oktober, in der Batschkapp augenscheinlich. Die gleichen Gesichter wie auf jeder Tour begrüßten sich freudig, wie bei einem Klassentreffen. Ebenso eng ist das Verhältnis zum Künstler selbst, der seine Anhängerschaft freundschaftlich begrüßte. Neu im Voodooclub ist Krautrock-Legende und Ex-Can-Drummer Jaki Liebezeit. Dem Urgestein zu liebe fing Boa recht ruhig an. Wie er den Fans mitteilte, wäre Jaki ein älterer Herr und müsste sich erst langsam einfühlen.

Mit acht seichteren Songs aus dem Boa-Repertoire wurde das Publikum angeheizt, bevor Phillip Boa ordentlich in die Vollen ging. Mit „Container Love“, „Diana“, „Annie Flies The Lovebomber“ und „And Then She Kissed Her“ brachte Phillip Boa und seine Engelsstimme Pia Lund die Menge zum Kochen. Ausgelassen und euphorisch feierten Musiker und Fans eine berauschende Party, bis der Schweiß von der Decke tropfte. Als die ersten Akkorde der Boa-Hymne „Kill Your Ideals“ begannen, war die Stimmung auf dem Höhepunkt. Und weil der Volksmund sagt, man solle aufhören, wenn es am Schönsten ist, beendete Boa den Abend an dieser Stelle. Möge „Mr. Independent“ uns noch viele solcher berauschenden Konzertabende bescheren.

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