Santiano in der Jahrhunderthalle

Hitpiraten auf Kaperfahrt

+

Frankfurt - Leinen los und unbedingt seefest machen - die Hitpiraten sind auf Kaperfahrt. Eine markige Schiffshupe grüßt denn auch zur Einstimmung so brachial, dass sich selbst die Balken der Jahrhunderthalle biegen. Von Peter Müller

Darüber: düster dräuendes Meeresrauschen, gepeitschte Nordsee-Wellen und reichlich Möwengeschrei. Aus dunkelstem Nichts erzählt dann ein sonorer Piraten-Bariton von fünf Schiffbrüchigen, die sich aus einem Wrack einen neuen, stahlplattenbewehrten Dreimaster gezimmert haben. Sein Name: Santiano. Und keine Frage: „Gott muss ein Seemann sein“. Willkommen also in der weltberühmten Hafenstadt Frankfurt-Höchst, wo „Käpt´n“ Björn Both und seine Haudegen allen Landratten beweisen, dass man aus Shanty, Heavy-Metal und volkstümelndem Schlagerrock eine heilig flammende Allianz schmieden kann.

Vielleicht beschreiben zwei Konzertmomente aus 2012 das Phänomen Santiano am besten: Da stehen „die alten Männer und das Meer“ zunächst bei Carmen Nebel in einem gepflegten ZDF-Schlagerstadl auf der Bühne - um danach das größte Metal-Open-Air des Kontinents zu rocken. In 2013 sind sie dann als Support mit Helene Fischer unterwegs - und auch wieder im Metal-Mekka Wacken. Zwei Musikplaneten, Lichtjahre voneinander entfernt. Nur, die Begeisterung für die sturmgegerbten „Echo“-Gewinner aus dem hohen Norden ist jeweils die gleiche. Wahrscheinlich kann sich die Gruppe selbst nicht erklären, warum Songs wie „Salz auf unserer Haut“, „Bis in alle Ewigkeit (Wallhalla)“ oder das vollbärtige „Alle, die mit uns auf Kaperfahrt fahren“ neben der musikalischen Oma auch den Metal-beseelten Enkel verzücken.

In der restlos ausverkauften Jahrhunderthalle, wo sich Jung-Matrosen, fliegende Holländer, Schimmelreiter und andere Deichgrafen vor einer maritimen Bühnen-Deko zu einer bunten Fangemeinde zusammengetan haben, schreibt die Santiano-Crew ein weiteres Kapitel der Erfolgs-Saga. Mit Nebelkanonen, Flammenwerfern und einem Sack voll derb-romantischer Seemanns-Lyrik sind sie vor Anker gegangen, um in „Frei wie der Wind“, „Gestrandet“, „500 Meilen“ oder „Auf nach Californio“ von Herzschmerz, unerbittlichen Ozeanen und dem ganz großen Freiheitsgefühl auf See zu berichten. Ur-Sehnsüchte und schlichte, tröstliche Metaphern, die in einer komplexer werdenden Welt auf offene Ohren treffen. Dazu gibt es ein gute Portion Seemannsgarn und einen satten Sound, der irgendwo zwischen Irish Folk, kernigem Rock und Shanty auf Speed eine letzte Nische erobert hat.

Die Bilder der Echo-Gala 2013

Preise und eine akrobatische Helene Fischer - die Bilder der Echo-Gala 2013

„Dat Zeuch knallt einfach“, würde wohl Frontmann Both (49) sagen, der aus Husum kommt, vorwiegend Gitarre spielt und im richtigen Leben immerhin Besitzer eines Sportboot-Führerscheines ist. Zusammen mit „Timsen“ Heinrichsen (48, Bass, Vocals, im Nebenberuf auch noch Heilpädagoge) und Fiedel-Altmeister Peter Sage (64, ehedem bei Westernhagen und Torfrock zugange) ist er das Rückgrat einer Spaßband, die mit Unterstützung von Meerjungfrau Synje Norland selbst in untiefen Balladen-Gewässern nicht auf Grund läuft. Ansonsten aber ist die zweistündige Show der ältesten Boygroup der Welt alles andere als eine Kreuzfahrt für Weicheier: Eindrucksvollstes Beispiel: „Warten bis der Wind bläst“, ein an Rammstein erinnernder Ozeandampfer von Song, bei dem sich alle Santianisten fragten, warum zum Klabautermann im Auditorium Stühle aufgestellt wurden.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare