Im Schatten des Tages

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Begnadeter Erzähler: Ulrich Tukur.

Wiesbaden - Ulrich Tukur ist das, was man zu Recht als Vollblut-Schauspieler bezeichnet, dessen Mimik ebenso wandlungsfähig ist wie Sprache, Betonung und Körperhaltung. Was dem charismatischen Hamburger längst international den Ruf eines Charakterdarstellers eingebracht hat. Von Maren Cornils

Doch Tukur hat neben der Schauspielerei noch eine andere Leidenschaft: Seit mehr als 15 Jahren widmet er sich mit seiner Band, den Rhythmus Boys, der Musik der 30er bis 50er Jahre. Dass das Multitalent auch hier einiges auf dem Kasten hat, zeigte sich im Kurhaus Wiesbaden , wo Tukur beim Rheingau Musik Festival mit „Mezzanotte – Lieder einer Nacht“ Station machte.

Swing, Boogie, Schlager – ein musikalisch vielseitiges Programm haben Tukur und seine sechs Begleiter im Gepäck. Um die Nacht, um Liebe, Leidenschaft und nächtliche Amouren geht es, aber auch um all jene Schattengestalten, die sich nach Mitternacht herumtreiben: Huren, Taschendiebe, lebensmüde unglücklich Verliebte, Mörder, Triebtäter und anderes lichtscheues Gesindel. „Mezzanotte – - Lieder einer Nacht“ ist eine Liebeserklärung an die „dunkle Seite des Tages“, eine Verbeugung vor dem großstädtischen Leben, in dem die Nacht zwar ihren eigenen Rhythmus besitzt, aber auch ein kleines Stück jener ureigenen Magie verloren hat.

Der Bogen spannt sich von italienischen Komponisten wie Domenico Modugno („Vecchio Frack“) über französische Chansons von Charles Trenet und von Tukur betextete Titel („Die Großstadt träumt“) bis zum unvermeidlichen Friedrich Hollaender („Illusions“, „Das Nachtgespenst“).

Wie in einem Film von Robert Altman reiht sich Momentaufnahme an Momentaufnahme, reist der Zuschauer vom nächtlichen Berlin nach Venedig, ist stummer Zeuge eines Techtelmechtels in Montmartre, bevor er sich am Ufer der Themse bei einem verarmten Vagabunden wiederfindet. Für die Überleitungen sorgt Tukur, der Sinn für Humor und gute Pointen beweist.

Als begnadeter Geschichtenerzähler beschwört Tukur zu „J’ai peur de coucher tout seul“ vor dem inneren Auge seiner Zuschauer das Bild eines hoffnungslos entflammten Unternehmers beim romantischen Stelldichein mit seiner Sekretärin, gibt in „Ich pfeif heut Nacht“ den volltrunken schmachtenden Liebhaber oder lässt einen unglücklichen Selbstmörder in „Vecchio Frack“ lebensüberdrüssig durch die Straßen Roms irren.

Stimmungsvoll sind expressionistisch anmutende, auf eine Leinwand projizierte Zeichnungen, dazu setzen die Rhythmus Boys mit Schlagzeug- und Tuba-Einlagen sowie Bass-Soli Akzente, während Tukur selber in die Tasten von Akkordeon und Klavier greift. Erstklassige Unterhaltung!

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