Schaurig-schöne Violoncello-Kür

Wiesbaden - Sie haben den Contrapunctus ebenso verinnerlicht wie ein Lied der unvergessenen Piaf. Von Klaus Ackermann

Und mittendrin klingen die „12 Cellisten der Berliner Philharmoniker“ wie ein Orchester der Swing-Ära, schaurig schön sogar das filmreife Bluesharp-Thema bei Morricones „Spiel mir das Lied vom Tod“. Das lockte nicht nur die Zuhörer im ausverkauften Friedrich-von Thiersch-Saal aus der stillvergnügten Reserve, sondern machte auch den perfekt aufspielenden Sinfonikern spürbar Spaß.

Nichts Geringeres als Johann Sebastian Bach s Vermächtnis zum Auftakt, die „Kunst der Fuge“, mit vier von 14 Fugen und Kanons. Bei den „12 Cellisten“, 1972 erstmals in Erscheinung getreten, von zeitgenössischen Komponisten geadelt und mittlerweile mit Kultstatus, ragt das nur unwesentlich verwandelte d-Moll-Thema wie ein Brückenkopf in üppiger Streicherflut. Das Geflecht der Stimmen wirkt noch enger geknüpft. Es mündet auch hier in die (unvollendete) „Fuga a 3 Soggetti“, mit den Tönen B-A-C-H als klangliches Monogramm und mit Bachs Choralbearbeitung „Vor Deinen Thron tret ich hiermit“, deren warmer Streicherklang sakrale Sphären beschwört.

Gespür für reizvolle Harmonik

Als einer der ersten hat Jean Francaix (1912-1997) für die Berliner komponiert. Seine „Aubade“ ist ein Morgenständchen, analog zur Serenade. Mit dem untrüglichen Gespür des Klassizisten für reizvolle Harmonik eine Art Suite, die nach breitem Intro zu munteren Tänzchen auch in krummen Taktarten verführt. Ein bezupfter Galopp, ein Gassenhauer, eine Cello-Arie im Wellengang – virtuoser Höhepunkt ist ein Presto mit dem die „12 Cellisten“ glatt eine Stummfilm-Verfolgungsjagd untermalen könnten.

Klingt schon hier spanisches Kolorit an, so setzt Heitor Villa Lobos (1887-1959) in Modinha und Embolada aus den Bachianas Brasilieras der brasilianischen Folklore ein lebendiges Denkmal. Ohne Mühe gelingt der Brückenschlag nach Frankreich mit „Sous les ponts de Paris“. Ob nun Piafs „La vie en rose“ oder „Sous le ciel de Paris“, es sind die Pfefferminz-Akkorde der originellen wie aufgeladenen Arrangements, die den üblichen Cello-Klang umkrempeln. Mit „historischer“ Spielpraxis scheint da ein Leierkasten ebenso nahe wie die singenden Saxofone (Cello-Flageolett) eines Ballroom Orchestra, in Millers „Moonlight Serenade“ den Staub von der Schellack-Platte streichend. Milde swingende Spirituals und ein „Caravan“, wie im Wüstensturm gespielt: Ein Professoren-Ensemble muss nicht zwangsläufig akademisch-prüde sein. Wehe, wenn sie losgelassen …

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