Schimmernde Oberflächlichkeiten

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Lorin Maazel

Wie würden sie sich vertragen, die butterweichen Streicher der Wiener Philharmoniker und die insistierende Rhythmik von Igor Strawinskis einstigem Publikums-Schocker „Le Sacre du Printemps“? Von Axel Zibulski

Mittler war, einige Tage vor seinem achtzigsten Geburtstag, Lorin Maazel, bei den Wienern Ehrenmitglied und Gastdirigent, so bekannt wie gefürchtet für seinen nach wie vor untrüglichen Hör- und Farbsinn. In der Alten Oper führte Maazel Wiens Edel-Orchester durch zwei Edel-Flops der Uraufführungsgeschichte: 1913 sorgte Strawinski in Paris für Publikums-Balgereien, Anton Bruckner hatte 1877 in Wien mit seiner dritten Sinfonie Unverständnis erregt – Histörchen, wenn Maazel die Werke heute dirigiert.

Denn Strawinskis „Bilder aus dem heidnischen Russland“ klangen bei ihm gar nicht so schroff, derb, brutal und kantig wie gewohnt: Warm und wie traumverloren das Fagott-Solo zu Beginn, mild und fast gedämpft die Streicher mit ihrem ersten Repetitions-Einsatz. Das Primat des Rhythmischen konnte auch Maazel nicht ganz zur Glätte bürsten. Aber er breitete aus, unerhört lange 40 Minuten, die er nahezu benötigte für „Sacre du Printemps“, verbindlich, atmend in der Entwicklung statt auf den fratzenhaften Punkt gebracht.

Ätherisch changierend klang das bestenfalls in langsamen Passagen, etwa zu Beginn des „Opfers“, dem zweiten Teil. Zum Finale des ersten („Die Anbetung der Erde“) hatten die Blechbläser dynamisch gegeben, was sie zu geben bereit sind; nicht das Mögliche, eher das Nötige, doch zu Maazel passte das nicht schlecht. Immerhin: Die geniale Instrumentierung wurde keinen Augenblick vom puren Effekt verstellt.

Lange Zeit ungnädig waren die Philharmoniker mit dem Wiener Wahl-Bürger Anton Bruckner zu dessen Lebzeiten umgegangen, bei der Uraufführung der von ihm selbst dirigierten Sinfonie Nr. 3 d-Moll verließ das Publikum scharenweise den Musikvereinssaal. Nur ein wenig ungnädig wirkten in der Alten Oper, wo die stark gestraffte Drittfassung von 1889 erklang, eingangs die Oboe (mit verkratztem Ton), das erste Horn (mit verschwommenem Ansatz). Lorin Maazel, der alles hört, ließ alles hören, jede noch so beiläufige Begleitfigur der Streicher exakt ausbuchstabieren, jeden Bläser-Block abgerundet und volltönend, aber auch mild zelebrieren.

Natürlich, die Wiener spielten überwiegend betörend schön, selbst das Scherzo, das den eleganten Fluss kaum nachhaltig aufwirbelte. Aber nicht allein wegen der Wahl der späteren Fassung war Bruckners Dritte eine geglättete Angelegenheit von verführerisch schimmernder Oberflächlichkeit, darin Strawinskis eingangs gespieltem „Sacre“ zumindest ähnlich. Die Zugabe war ein „Ungarischer Tanz“ von Johannes Brahms.

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