Schlichtheit und tiefste Andacht

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Auch dieses Jahr bekamen die Helfer der Offenbacher Kantorei den Andrang zu Johann Sebastian Bachs „Weihnachtsoratorium“ (BWV 248) in der Lutherkirche kaum unter Kontrolle.

Offenbach - Auch dieses Jahr bekamen die Helfer der Offenbacher Kantorei den Andrang zu Johann Sebastian Bachs „Weihnachtsoratorium“ (BWV 248) in der Lutherkirche kaum unter Kontrolle. Von Reinhold Gries

Dirigent Tobias Koriath hatte die Kantaten I und III ausgewählt, auf Arcangelo Corellis „Weihnachtskonzert“ op. 6 Nr. 8 gesetzt und das Konzert mit Georg Friedrich Händels „Hallelujah“ aus dem „Messias“ ausklingen lassen. Das Konzept ging auch deshalb auf, weil Bachs „Parodiemusik“ von 1734 weitgehend auf eigenständigen Sätzen früherer Kantaten basiert und für das Oratorium mit neuen Texten versehen wurde.

Der Text aus Bachs Vorlage, der Glückwunschkantate „Tönet, ihr Pauken! Erschallet, Trompeten! Klingende Saiten, erfüllet die Luft“ beschreibt exakt die Trompetenchor-Stimmung, die sich mit dem „Jauchzet, frohlocket!“ ausbreitete. Der bestens disponierte Chor gefiel nicht nur hier durch saubere Fugierung und homogenen Klang. Die schlicht-schönen Kirchenlied-Choräle „Wie soll ich dich empfangen“ und „Ach mein herzliebstes Jesulein“ verbreiteten Zauber. Das diffizile „Herrscher des Himmels, erhöre das Lallen“ geriet zum Prachtchor.

Cello und Violinen zogen ihre Concertino-Kreise

Gewohnt zuverlässig und stimmig dazu die Vorspiele, Begleitungen und Intermezzi des Orchesters mit seinen markanten Oboen und Fagotten – und dem Offenbacher Carmenio Ferrulli am Orgelpositiv. Die Paukeneinsätze kamen präzise und nicht zu laut, die Trompeten hatten Strahlkraft, ohne schrill zu wirken, die Streicher agierten wendig. Von den Querflöten allerdings hätte man gern mehr gehört.

An rhetorischer Klarheit fehlte es bei den Vokalsolisten ebenso wenig wie beim Chor. Inbrünstig und durchgehend hervorragend dabei Christian Rathgebers erhellende Evangelisten-Rezitative mit ihrem warmen Timbre. Großartig fundiert auch Bassbariton Florian Rosskopps zentrale Arie „Großer Herr, o starker König“. Für die besonders innigen Töne war die Bürgeler Mezzo-Sopranistin Johanna Krell zuständig, die auch Altpartien übernimmt. Ihre Arien „Bereite dich, Zion, mit zärtlichen Trieben“ und „Schließe, mein Herze“ gerieten vor allem in lyrischen Mitteltönen und stimmschönen Höhen zu reinem Seelengesang. Sopranistin Christina Schmid erreichte nicht ganz diese Tiefe der Empfindung.

Vor dem effektvollen „Hallelujah“ begeisterte das Heidelberger Kantatenorchester mit Corellis weihnachtlichem Concerto grosso. Cello und Violinen zogen ihre Concertino-Kreise, immer neu aus dem Tutti-Klangkörper emporwachsend, mal schwer schreitend, mal vivaldisch grummelnd, virtuos beschleunigend und verlangsamend. In feinen Klangbildern glaubte man, die Geburtsszene und die um den Stall fliegenden Engel vor sich zu sehen. Eine berührende Synthese aus Schlichtheit und tiefer Andacht.

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