Schönbergs Erben

Um 1909 herum hatte Arnold Schönberg, der zuvor in einem spätromantischen Stil komponierte, mit der Tonalität gebrochen. Anlässlich der Veranstaltungsreihe „Phänomen Expressionismus“ hat das Ensemble Modern Orchestra in der Frankfurter Alten Oper die Werke dreier zeitgenössischer europäischer Komponisten der Jahrgänge 1968 bis 1974 dramaturgisch schlüssig in einen Zusammenhang mit zwei Orchesterwerken Schönbergs gestellt. Von Stefan Michalzik

In den auf das Jahr 1926 zurückgehenden Variationen für Orchester op. 31 hat Schönberg, inzwischen einen Entwicklungsschritt weiter, seine Zwölftontechnik zum ersten Mal auf das große Orchester angewandt. Mit einem gewaltigen Tuttischlag beginnt das Postludium des französischen Komponisten Bruno Mantovani, der seit wenigen Monaten den historisch immer wieder prominent besetzten Posten des Direktors am Pariser Conservatoire innehat. Es folgt ein Dauercrescendo samt Pauken, Trompeten und Fanfaren. Das Orchestergerassel steht im Wechsel mit zartesten Ruhemomenten, in Spiegelung der emotionalen Extreme der russischen Poetin Anna Achmatowa, die Mantovani zur Heldin einer Oper gemacht hat, deren sinfonisches Nachspiel das Postludium gleichsam ist.

Steter Wechsel ist auch Kennzeichen des einsätzigen Orchesterstücks „Dithyrambes“ von Jens Joneleit, dem aus Nieder-Roden stammenden Komponisten. Phasen von einer harschen Rhythmik sind durchsetzt mit Schwebeklängen, die wie ein Stilzitat der Nachkriegsavantgarde anmutet. „Contrebande“ von dem österreichischen Komponisten Johannes Maria Staud weist immer wieder tänzerisch verspielte Linienführungen auf. Freilich liegt ein Schleier über den sechseinhalb ineinander übergehenden Stücken, die unter dem Eindruck der Kindheitserinnerungen des polnisch-jüdischen Schriftstellers und Malers Bruno Schulz entstanden sind.

Peter Eötvös, beileibe keine zweite Wahl im Verhältnis zum krankheitshalber verhinderten Dirigenten Pierre Boulez, hat mit dem hervorragend präparierten Orchester für eine herausragende Schönberg-Interpretation wie auch für einen maßstabsetzenden Zugriff auf die Novitäten gesorgt. Die drei Zeitgenossen sind würdige Vertreter des Schönbergschen Erbes, hundert Jahre nach dessen revolutionären Umwälzungen.

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