Corinna Harfouch präsentiert Leben des Kastraten Filippo Balatri im Rheingau

Schöne Stimme als Schicksal

„Dieselben Schnitte, mit denen man ein Lamm zum Hammel macht“, haben Filippo Balatri Karriere machen lassen. Im Unterschied zu vielen anderen hat der Elfjährige den Eingriff überlebt, ist Berufssänger geworden – und hat mit seiner Autobiografie den Grundstein für einen gewissen Nachruhm gelegt.

Auf ihr fußt Christine Wunnickes Buch „Die Nachtigall des Zaren“, dem sich auf Schloss Johannisberg ein historisch wie künstlerisch hochinteressanter Abend beim Rheingau Musik Festival verdankte.

Dafür sorgte zunächst die Schauspielerin Corinna Harfouch, die aus dem Leben des Vokalstars (1682-1756) las. Es führte von Pisa nach Moskau, zurück nach Florenz, über Lyon nach London und via Düsseldorf nach München, wo Balatri als Mönch starb.

Als Italiener mit dem Hang zur Übertreibung gesegnet, ging Balatri schriftstellerisch in die Vollen. Mit feiner Ironie, die ihn selbst nicht verschonte, und derbem Humor, der drastische Schilderungen nicht scheute, beschrieb er köstlich Russen, Franzosen, Engländer und Bayern.

Eine Vorstellung von seiner Stimmgewalt und Stilvielfalt vermittelte eindrucksvoll Britta Schwarz. Sie sang zwar Alt, nicht Sopran wie Balatri, und ohne technische Tricks, wie sie im Film „Farinelli“ zum Einsatz gelangten. Aber ihr Repertoire war so gut gewählt, dass die typischen Eigenschaften eines Kastraten-Organs zum Tragen kamen; stets passend zum Text: Dramatik und Dynamik in Händels „Lungi da voi“. Beseelte Klage in Brevis „O spiritus angelici“. Raumfüllendes Volumen in Händels „Senti di te“, zarte Süße in „Nel dolce tempo“, starke Empfindung in „Un affanno piu tiranno“. Englischer Volkston mit Purcell, italienische Geläufigkeit der Gurgel mit Vivaldi und Marcello, französische Sentimentalität mit Lambert, deutsche Gefühlstiefe mit Scholze und Krieger. Sowie religiöse Innigkeit mit Bassani.

Virtuosität bewies Stefan Maass, diskreter Begleiter auf der Theorbe, mit einer Courante von Gallot, zu der Harfouch einen entzückenden Tanz ihrer ausgezogenen Schuhe vollführte. Dass sie das schönste Stück, Händels Jahrhundert-Hit „Lascia ch’io pianga“, mit jaulendem Akustik-Intermezzo als Bühnenmaschinerie ruinierte, war als Absicht hinzunehmen ...

MARKUS TERHARN

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