Schöner Geiger im Schneewittchenspiegel

+
David Garrett mischt Rock mit Klassik in Festhalle Frankfurt

Schwiegermuttertraum: Das ist ein zweifelhaftes Prädikat, das wie ein verwunschener Wanderpokal, der Fluch und Segen zugleich bedeutet, von einem attraktiven männlichen Künstler zum nächsten gereicht wird. Von Ferdinand Rathke

Jahrelang adressierte man Popsänger Sasha mit dem Titel, der Frauenherzen zwischen 8 und 80 höher schlagen lässt. Jetzt etikettiert er einen langmähnigen blonden Geiger, der die Frankfurter Festhalle an zwei Terminen mit je 7500 Zuschauern ausverkauft.

Alt und unglaublich kostbar sind die Violinen, auf denen David Garrett abwechselnd sein drei Stunden langes, durch 20 Minuten Pause unterbrochenes Programm „Rock Symphonies“ spielt, das auf geradezu schizophrene Weise versucht, Klassik mit Moderne zu verbinden: Aus dem Jahr 1772 stammt das edle Stück von Giovanni Battista Guadagnini, um 56 Jahre älter ist das von Antonio Stradivari.

Vergleichsweise jung, Jahrgang 1980, ist David Garrett, Sohn eines deutschen Juristen und einer US-Primaballerina, der als Vierjähriger bereits mit Violinunterricht malträtiert wurde. Gelohnt haben sich die Entbehrungen, wenn der Geiger mit dem elegant vernachlässigten Aussehen eines Rockstars zum Auftakt durch die Festhalle schlendert und mit Schmiss Led Zeppelins „Kashmir“ schmettert.

Garrett reiht Rock an Sinfonik

Genarrt wurde Garrett erst kürzlich vom Team des TV-Dauerbrenners „Verstehen Sie Spaß?“, als zwei stoische Zollbeamte in seinen Violinen pfundweise Potenzpillen und bündelweise Geld entdeckten. Vergleichsweise harmlos ist die launige Präsentation und Moderation des Geigenvirtuosen, der sich von der Neuen Philharmonie Frankfurt und einer fünfköpfigen Rockband begleiteten lässt.

Im Reißverschlussverfahren reiht Garrett Rock an Sinfonik: Beethovens Fünfter folgt „Live And Let Die“ von Paul McCartney Wings, Pablo de Sarasates „Navarra“ Nirvanas „Smells Like Teen Spirit“ und Bachs „Toccata“ Guns N’ Roses’ „November Rain“. Langweilig wird die Vereinigung von E- und U-Musik nie, auch wenn’s mal kitschig tönt.

Nicht fehlen darf Hommage an Michael Jackson

Nichts bleibt bei dem mit Pyrotechnik und einer Projektionsfläche in Form eines gigantischen Schneewittchenspiegels veredelten Spektakel dem Zufall überlassen: Nicht Dramaturgie und Rhythmus, die wahllos Totos „Child’s Anthem“, Mikis Theodorakis’ „Zorba’s Dance“, Metallicas „Master Of Puppets“, The Pretenders’ „I Stand By You“ und Isaac Albéniz’ „Asturias“ einschließt. Schon gar nicht die auswendig gelernten Anekdoten mit Banalitäten aus Garretts Privatleben.

Nicht fehlen darf die Hommage an Michael Jackson: „Smooth Criminal“ in filigraner Akustikversion mit Gitarrist Michael Wolf überzeugt ebenso wie die Filmmusik-Adaptionen „Mission Impossible“ und „Fluch der Karibik“. Ehe mit „Hey Jude“ von den Beatles das Finale mit Tausenden gezückter Handys ansteht, schlurft Garrett mit John Fogertys „Rocking All Over The World“ lässig rund um den Globus und wirft sich mit Edvard Griegs populärer Peer-Gynt-Musik noch einmal so richtig ins Zeug!

Kommentare