Schumann satt und ein überfälliger Hindemith

Paul Hindemith ist zurück in Frankfurt. Ein überfälliger Akt, wie die Sinfonie „Mathis der Maler“ offenbarte, vom hr-Sinfonieorchester unter Chefdirigent Paavo Järvi in der Alten Oper in Engelssphären entrückt.

Einen weiteren gewichtigen Programmpunkt lieferte Christian Tetzlaff mit Robert Schumanns Spätwerk, dem schwerblütigen d-Moll-Violinkonzert, um als Zugabe eine Rarität zu bieten: Mit der Fantasie für Violine und Orchester C-Dur hat er sich fürs Schumann-Jahr 2010 positioniert, in dem an dessen 200. Geburtstag erinnert wird.

Zum Auftakt Richard Wagners Vorspiel und Liebestod aus „Tristan und Isolde“. Dessen feinfühlige chromatische Wendungen an der Grenze der Tonalität, die Järvi und Orchester schier schwerelos erkundeten, hatten einen nur mit emotionalen Forte-Schüben überwindbaren Gegner: Der Husten grassierte.

Ruhiger war's angesichts der hohen Geigenkunst Tetzlaffs, der ein modernes Instrument des Deutschen Peter Greiner spielt, das sich in Volumen und Charakter vor den alten Italienern nicht zu verstecken braucht – weder in den romantischen Bekenntnissen des orchestralen Moll-Blocks, den Tetzlaff filigran und mit stupender Technik in Helle überführt, noch im von farbigem Streichersamt eingekleideten empfindsamen Gesang oder im lebhaften Moll-Tänzchen, bei dem am Ende die Dur-Sonne scheint.

Auch in der zu Unrecht fast vergessenen Fantasie zeigt Tetzlaff, wie man eine melancholische Seele therapiert – mit akribischer Virtuosität und gestalterischem Atem. Leider endet damit seine Zeit als „Artist in Residence“.

Dafür wünscht man Hindemith, den zuvor die Reihe „Happy New Ears“ in der Oper wiederbelebt hat, dass er noch lange auf Konzertprogrammen zu finden ist. Für die Mathis-Sinfonie mit ihrer originell erweiterten Tonalität bedarf es kaum neuer Ohren. Umso unbegreiflicher, dass die Nazis Hindemith nach diesem die Oper „Mathis der Maler“ bündelnden Werk in Acht und Bann schlugen. Es zeigt die Rätsel des künstlerischen Schöpfungsvorgangs anhand des in Colmar verwahrten Isenheimer Altars, den Matthias Grünewald zwischen 1505 und 1515 malte.

Engelkonzert, Grablegung und Versuchung des heiligen Antonius sind die sinfonischen Sätze überschrieben, deren Klangsinnlichkeit zwischen reinem Engelston und farbigem Chroma, zwischen stimmlich weit gesteckten Kontrapunkten, bedrohlichen Klangballungen und markanten Schlägen Järvi und das Orchester intensiv nachspüren. Wie von Furien scheint der malträtierte Heilige gehetzt, ehe er im Flageolett-Glitzer nach wie verloren wirkenden Flötentönen himmelwärts strebt: Her mit noch mehr Hindemith! KLAUS ACKERMANN

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