Schwedenhappen konzertant serviert

Der Zusatz „Königliche“ mag die Philharmonie Stockholm zu ihrer majestätisch verhaltenen Gangart animiert haben. Zumindest im schwerblütigen Violinkonzert von Johannes Brahms, mit der jungen Lettin Baiba Skride, die tapfer gegen das gewisse orchestrale Phlegma anspielte. Von Klaus Ackermann

Im Kurhaus von Wiesbaden richtig angekommen schienen die Sinfoniker und ihr finnischer Dirigent Sakari Oramo erst bei der Sinfonie Nr. 4 op. 29 „Das Unauslöschliche“ des Dänen Carl Nielsen, Mittler zwischen Spätromantik und Moderne. Und bei den Zugaben ging dann sogar die Post ab, die Bravo-Rufer auf Anhieb weckend.

Erstmals beim Rheingau Musik Festival, flechten die Schweden noch ihrem Landsmann Wilhelm Stenhammar (1871-1927), Pianist, Komponist und Dirigent in Personalunion, einen Lorbeerkranz, dessen Konzertouvertüre „Excelsior!“ sich schon beim vehementen Ein- und Aufstieg mit bellenden Horntriolen das Ausrufezeichen im Titel verdient hat. Richard Wagner steht bei diesem erhabenen Auftakt allenthalben Pate, ob nun in zerfließenden klanglichen Chroma oder in der Motivarbeit, die nach kultiviertem Klarinettenwalzer in einer Art Morgenstimmung endet, prädestiniert fürs Film-Hollywood. Eine skandinavische Petitesse: Einmal hören reicht.

Dann das Brahmskonzert D-Dur, dessen verträumter romantischer Idylle die Stockholmer Philharmonie akademisch sachlich begegnet, was der „Sinfonie mit obligater Violine“ (Geigenvirtuose Pablo de Sarasate) nicht gerecht wird. Zu schematisch angelegt wirkt der Orchesterpart. Dagegen ficht Solistin Baiba Skride mit ihrer Stradivari „Wilhelmj“ von 1725 energisch an, deren warmer, fülliger Ton vor allem in den leisen, spannenden Übergängen einnimmt.

Ein ungarisch getöntes Rondo

Erstaunlich, dass sich die junge Frau auch bei der mit technischen Tücken gespickten Kadenz vom leider sehr unruhigen Publikum nicht aus der Gleis werfen lässt. Dem innigen Oboenthema, empfindsam solistisch fortgesponnen, folgt ein ungarisch getöntes Rondo, bei dem Skride zwar solistisches Temperament bezeugt, freilich auf einsamem Posten. Erst spät entscheidet sie sich nach Dauerbeifall für eine Zugabe, ein Air von Johann Sebastian Bach aus dessen Suite für Violine solo.

„Musik ist Leben, und wie dieses unauslöschlich.“ So lautet die Widmung in Nielsens 1916 uraufgeführter Sinfonie Nr. 4. Das „Unauslöschliche“ findet der dänische Komponist in musikalischen Kategorien, die er erfindungsreich miteinander verknüpft. Da stehen tänzerische Passagen neben wuchtigen Blechbläser-Einwürfen und filigrane Streicherfiguren, die ans Rokoko gemahnen, neben drohenden Kesselpauker-Gefechten, die noch final viel Lärm machen. Nicht wiederzuerkennen ist die von Sakari Oramo, einem eher zweckdienlichen Dirigenten, sichtlich wachgerüttelte Königliche Philharmonie, den tonale Grenzen meidenden sinfonischen Flickenteppich kraftvoll durchwalkend.

Nielsen, oft klanglich etwas spröde angelegt, gewinnt auf ganzer Linie – auch in der zugegebenen Ouvertüre zu seiner einzigen Oper „Maskerade“. Ein herrlicher Rausschmeißer ist Brahms’ Ungarischer Tanz Nr. 1 g-Moll, dessen orchestralen Esprit man dem Violinkonzert gewünscht hätte. Natürlich in anderer Dosierung ...

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