Schwindlig vor Freude

Gekonnt zieht er komische Grimassen und erntet stürmischen Beifall: „Selbst wenn es aussieht wie ein Pavianhintern – pfeifen Sie doch mal wie ein Afrikaner!“, fordert Roger Whittaker sein Publikum heraus. Bei so viel Courage bleiben beim alljährlichen Gastspiel in der Frankfurter Alten Oper die wenigsten ungerührt.

Eine stattliche Fangemeinde huldigt einem Altgedienten, der vor mehr als vier Dekaden seine Laufbahn als Naturwissenschaftler aufgab, um auf der Bühne sein Glück zu machen.

Einen echten Profi hält so leicht nichts von seiner wahren Berufung ab. Auch nicht, wie zuletzt, ernsthafte gesundheitliche Probleme. Doch nun scheint alles wieder im grünen Bereich. Oder besser: „Alles Roger!“ So heißt zumindest der erste Song aus dem Repertoire des in Irland beheimateten Kenianers, der einst als milder Folksänger in den frühen 60er Jahren startete. Einer von vielen Klassikern zum Mitklatschen, dessen pure Lebensfreude schier schwindlig macht.

Für echtes Erstaunen im mehrheitlich weiblichen Publikum sorgt Whittaker mit dem munteren „Mexican Whistler“, seinem ersten Hit von 1967, den er nur pfeifend absolviert. Aber so richtig auf Wolke sieben schweben die betörten Damen erst, wenn ihr Idol deutsche Texte mit jenem Akzent wohlfeil anbietet, den sie seit Jahrzehnten von angloamerikanischen Künstlern schätzen und lieben gelernt haben.

Nicht dass er die Texte von Telepromptern ablesen muss, sondern eine weitere elementare Sache entwickelt sich in der Pause zum Tuschelthema Nummer eins: Dass dem mittlerweile ergrauten Hünen, der zwischendurch beschwingt zur zwölfsaitigen Gitarre greift, seine samtweiche Stimme abhanden gekommen ist. Nicht nur die für ihn ohnehin schwierigen deutschen Lieder radebrecht er kaum verständlich, auch englischsprachige Favoriten wie „River Lady“ und „Albany“ vernuschelt er komplett.

Selbst das Gehen fällt dem bärtigen Frauenschwarm zusehends schwerer. Behäbig schleppt er sich von der einen auf die andere Bühnenseite. Hebt die Arme mühsam in Siegerpose und versucht sich, unterstützt von einem siebenköpfigen Begleitensemble inklusive zweier Chordamen, ganz der seicht arrangierten Musik zu widmen.

Wo sich andere schon seit Jahren ihrer Pension erfreuen, hält es Roger Whittaker, der am Sonntag 73 Jahre alt wird, nicht einmal auf seinem Märchenschloss aus. Wenigstens ein kleines Idyll in unsicherer Welt, mag sich manches Fanherz denken. Um die Idylle perfekt zu gestalten, holt der Unterhalter Irisches wie „Uncle Benny“ und das der Gattin gewidmete „Irish Girl“ hervor. Aber er bezaubert auch mit Kenianischem, wenn Schlagzeuger Robbie Smith ihn auf der Handtrommel bei „Sawa Sawa“ begleitet. Das heißt soviel wie „Alles Roger“!F. RATHKE

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