Seelenkunde in Orchesterklang

Er zählt zu den umtriebigen Dirigenten, ist meist zwischen St. Petersburg, London, Tokio und Baden-Baden unterwegs. Und dennoch strahlt Valery Gergiev im Violinkonzert von Johannes Brahms eine Klangruhe aus, die 50 Minuten lang fasziniert. Von Klaus Ackermann

Mit dem genialen Geigenvirtuosen Vadim Repin in einer gestalterischen Atemkurve bei einem Solistenkonzert, das zur Brahms-Zeit als „Sinfonie mit obligater Violine“ gerügt wurde, in der Alten Oper Frankfurt aber eher Seelenkunde per Orchesterklang bezeugte. Und mit einer souverän die klanglichen Pfeiler setzenden London Symphony, zudem nachweisend, dass die Zeit reif ist für die vom Russen Sergej Prokofjew 1944 geschriebene fünfte Sinfonie, ein erstaunlich tonales Werk, dass dennoch bei den stalinistischen Machthabern in Ungnade fiel.

Repins schon unheimliche Intensität, ein Klangmagier auf seiner Stradivari del Gesù, deren modulationsreicher Ton selbst grüblerisches Moll zu erhellen vermag, und dazu das sich auf feinen Streichersamt verstehende London Symphony Orchestra mit dem Oboer in Bestform: Da wird Brahms’ schwerblütige romantische Sprache, die aus einfachem Dreiklang-Melos ihre idyllische Grundstimmung bezieht, auch im schnell verwehenden Konflikt zum Schlüssel zur Seele. Selbst in den kunstvollen Doppelgriffen der Kadenz zielt Repin eher auf die klangliche Substanz – dabei seine frappante Technik freilich nicht unterschlagend.

Im hoch empfindsam gespielten Adagio versteht man auf einmal, warum Brahms nie eine Oper geschrieben hat. Bei Repins modifiziertem Geigenklang führt dieser Satz ein intensives szenisches Innenleben, das auf Lied-Melos, Arien und sogar knapp angedeuteten Rezitativen basiert, im gefühlvollen Dialog mit dem Orchester. Während im ungarisch getönten Allegro giocoso instrumentale Feinmechanik angezeigt ist – beim Solisten wie beim sehr kompakt wirkenden britischen Orchester.

Die vielseitige London Symphony Orchestra hat unter ihrem Chefdirigent Gergiev den Russen Prokofjew entdeckt, der bestenfalls durch seine barbarisch schweren Klavierwerke geläufig ist. Höchste Zeit also für die nach vorausgegangenen harten klanglichen Attacken der Tonalität verpflichtete Sinfonie Nr. 5 B-Dur. Einen mächtigen Klangstrom entwickeln hier die Briten. Doch allen liedhaften Aussichtspunkten zum Trotz grummelt es in Violoncelli und Bässen bedrohlich. In die empfindsamen, aber auch schneidend scharf sich äußernden Holzbläser fährt ein Kesselpaukengewitter. Und im Scherzo, bei dem seine schnellen Tempi vortanzenden russischen Maestro Inbegriff orchestraler Mobilität, feiert auch der Jazz in bekömmlicher Schräge mit dem Klavier als Orchesterinstrument und vielen parodistisch angespitzten sinfonischen Versatzstücken fröhlich Urständ. Überfällig ist der Sinfoniker Prokofjew. Das weist London Symphony in einem durchweg spannenden Pro-Arte-Konzert nach. Und schickt als Schmankerl gleich zwei kurze Stücke aus der „Romeo und Julia“-Suite und der „Liebe zu den drei Orangen“ nach.

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