Seelenvoll und virtuos

Offenbach - Die neobarocke Offenbacher Marienkirche mit bis zu sieben Sekunden Nachhall erwies sich als ideal für das Konzert zum neuen Jahr. Von Reinhold Gries

Gleich drei Panflöten hatte der moldawische Musikprofessor Ion Malcoci mitgebracht, darunter eine mittelgroße Zacharias und eine große Covaliu, der Porsche unter den schon in der Antike nachweisbaren Hirteninstrumenten. Der vielseitige rumänische Violinprofessor Gabriel Dorin begleitete und beantwortete raumgreifende Flötenkantilenen mit rasanten Läufen und schwelgerischen Akkorden auf der Kirchenorgel, dem Klavier und der Geige.

Das perfekt aufeinander abgestimmte Duo setzte auch auf klassische Ohrwürmer wie das barocke Adagio des Venezianers Tomaso Albinoni, Robert Schumanns hochromantische „Träumerei“, die bekannte „Etude“ Frédéric Chopins und das „Ave Maria“ Franz Schuberts. Da waren Schönklang und Seelengesang angesagt, der durch Malcocis meisterhafter Bläserkunst besondere Qualität erhielt. Imaginäre Grenzen zwischen ernster und unterhaltender Musik wurden nicht nur da wohltuend durchlässig, zum Gefallen der begeisterten Zuhörer.

Die technische wie musikalische Leistung Malcocis war bis hin zu kaum hörbarem, hingehauchtem Pianissimo durchgehend erstklassig. Nicht nur bei der rumänischen Rhapsodie „Lied der Lerche“ wich er – gemeinsam mit Dorins rasanten Geigenstrichen und Pizzicati – weit von Vorlagen ab, um in atemberaubenden Soli und Improvisationen eine Session der besonderen Art zu gestalten.

Nach hinreißender Badinerie aus Johann Sebastian Bachs h-Moll-Suite öffnete das Musikerpaar die Gefühls- und Bilderwelt schön parlierender rumänischer Balladen und melancholischer „Doina“. Da gingen spirituelle Verinnerlichung und fast fernöstliche Klangmeditation mit lebhaften Gefühlsausbrüchen zusammen. Auch in „Incantation“ und einer transsylvanischen Suite begeisterten Wechsel zwischen lyrischer Melodik, reichen Verzierungen und asymmetrischen Tempi. Dank einfallsreichen Rubatos waren das keine „Traditionals“ von der Stange.

Pulsierend vital wurden Johannes Brahms’ „Ungarische Tänze“ durch osteuropäisches Musikgefühl bereichert, zu dessen Beurteilung das mitteleuropäische Bewusstsein nicht ausreicht. Da war es eine verschenkte europäische Chance, dass viele von diesem virtuosen Konzert vorab keine Kenntnis erlangt hatten...

Rubriklistenbild: © Michael-Dinner / Pixelio.de

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