Selbstverwirklichung eines Egomanen

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Johnny Borrell steht stets im Mittelpunkt.

Wie das von einer Rock-Ikone erwartet wird, mobbte er konkurrierende Bands und bezeichnete sich selbst als besten Komponisten seit Bob Dylan.  Von Ferdinand Rathke

Außerdem mogelte sich das 29 Jahre alte Großmaul auf den Titel der britischen Ausgabe der „Vogue“. Mit US-Schauspielerin Kirsten Dunst zog er sich eine Lebensabschnittsgefährtin an Land, die seinen ohnehin prominenten Namen noch bekannter machte. Seit Gründung von Razorlight im Jahre 2002 erweist sich Frontmann Johnny Borrell als Meister im Umgang mit den Medien.

Nicht unterschlagen seien sein kurzzeitiges Engagement bei den 2004 aufgelösten The Libertines im Dunstkreis der Kultfiguren des Alternative Rock, Pete Doherty und Carl Barât. Immer wieder machen abfällige Bemerkungen über seine derzeitigen Bandkollegen die Runde: Gitarrist Björn Ågren, Bassist Carl Dalemo und Schlagzeuger David Sullivan-Kaplan. Borrell ging so weit, ihre Austauschbarkeit zu thematisieren. Geschickt manipuliertes Buhlen um mediale Aufmerksamkeit – oder gnadenlose Selbstverwirklichung eines Egomanen?

Der Hagere mit Hang zum Theatralischen

Klappern zählt im Schaugeschäft ja zum Handwerk. Interesse an seiner Person erregt der Hagere mit Hang zu theatralischen Gesten auch durch Attraktivität. Bei seinem dramatisch inszenierten Auftakt im nicht ausverkauften Offenbacher Capitol mit der Trink-Hymne „In The Morning“ ist von internen Querelen aber nichts zu spüren. Das um einen Pianisten erweiterte Quartett präsentiert sich als Einheit. Auch wenn Borrell mit koketten Bewegungen als Letzter herein stolziert und das Scheinwerferlicht sich ganz auf ihn zu fixieren scheint.

Dass Razorlight ihrem guten Ruf gerecht werden, bestätigt sich vom ersten Takt an. So zeichnen sich Borrells Kompositionskünste durch Qualität, Reife und Perfektion aus. Knapp formulierte Melodien in vollendeter Harmonie und Tempowechseln addieren sich zu kleinen Meisterwerken britischer Pop-Kunst mit Wurzeln im Beat und New Wave. Mögen Borrells zum Teil naive Texte an der Oberfläche kratzen: Razorlight gelingt es, mehrere Fan-Generationen zu einen.

Ein gewisses Maß Ehrgeiz, gepaart mit Drang zum Exhibitionismus, wohnt Borrell inne, der in 75 Minuten sich zunehmend der verschwitzten Kleidung entledigt, um Hymnisches wie „America“ zu offerieren. Was an choreografischen Inszenierungen spontan wirken soll, ist bis ins Detail geprobt. Im Gegensatz zu seinem ehemaligen Mitschüler Doherty, der mit Skandalen mehr Schein als Sein repräsentiert, überzeugt Borrell allerdings mit Talent.

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