Vesselina Kasarova singt Händel-Arien in Frankfurt

Seltene erste Dame

Eines wird Vesselina Kasarova nie werden können: Primadonna, erste Dame auf der Opernbühne. Diese Rolle ist für ihre Kolleginnen vom Sopranfach reserviert. Macht nichts, hat die bulgarische Sängerin einmal in einem Interview gesagt, sie sei lieber eine gute zweite als eine schlechte erste.

Und wer wollte auf die markante, fast androgyne Tiefe ihres Mezzosoprans verzichten, auf ihren gewaltigen Stimmumfang? Zumal sie manchmal doch Primadonna sein darf, im Konzertsaal nämlich, wenn sie, wie jetzt in der Alten Oper Frankfurt, mit Mezzo-Arien zu hören ist.

Die 1965 geborene Sängerin gab mit dem Freiburger Barockorchester ausschließlich Georg Friedrich Händel, Arien aus dessen Opern „Ariodante“ und „Alcina“. Eine Zauberin hier, ein Ritter dort: Die aus der Handlung gelösten Nummern ließ Kasarova trotzdem zu Szenen werden. Und zu inszenieren versteht sie auch ihre vokalen Stärken. Satt und dunkel glüht jener Gesang von „unheilvoller Nacht“ („Dopo notte“) aus Händels „Ariodante“. Kasarovas zackige Bewegungen mit angewinkelten Armen mögen ein wenig hölzern wirken; ihre Stimme ist es ganz und gar nicht. Sie strahlt über Oktaven und ruht in sich. „Scherza infida“, eine der populärsten Händel-Arien, darf strömen, ausgeglichen und tief verinnerlicht.

Kasarovas versierte Verzierungskunst ist nicht weniger gefragt und wird bejubelt, auch wenn ihr an diesem Abend die reflektierten Töne eine Spur glaubhafter gelingen; als Zugabe etwa wählt sie die mezzosatten „Grünen Wiesen“ (Verdi prati) aus Händels „Alcina“.

Man solle nicht zu sehr auf den Text zählen, wenn er keinen Sinn vermittle, vielmehr die Stimme wie ein Instrument behandeln. Auch das hat Kasarova einmal in einem Interview gesagt. Und tatsächlich stiften bei ihr die Koloraturen und Verzierungen Sinn, kann sie etwa den schematisch gedrechselten Text des „Sento brillar“ aus Händels „Alcina“ in einen emotionalen vokalen Sturm überformen.

Mit dem Freiburger Barockorchester, das den Abend um Instrumentalwerke von Francesco Geminiani und Johann Sebastian Bach (1. Orchestersuite) ergänzte, standen Kasarovas singulärem Mezzosopran nicht weniger stilsichere und ambitionierte Instrumentalisten zur Seite. AXEL ZIBULSKI

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