Fränkische Kammermusiktage in Offenbach

Hochromantische Expressivität

Offenbach - Das Gastspiel von Ensembles der Fränkischen Musiktage Alzenau ist bei der Reihe Senza Piano in Offenbach schon Tradition. Zum zweiten Mal waren Teilnehmer des dort integrierten Campus RheinMain zu Gast. Von Eva Schumann

Eines der diesjährigen Projekte, die sich anlässlich des 50.Todestags von Hindemith dem Thema „Paul Hindemith und die Romantik“ widmeten, betreute die russische Geigerin Lidia Baich. Mit ihr und unter ihrer Leitung musizierten sieben junge Solisten aus aller Welt, Preisträger und Finalisten internationaler Wettbewerbe.

Den Abend leiteten sie mit dem grandiosen Oktett von Schubert ein. Das Werk D 803 sprengt die Grenzen des Kammermusik-Genres. Einerseits nahm Schubert das Beethovensche Septett zum Vorbild, andrerseits wollte er sich „auf diese Art den Weg zur großen Symphonie bahnen“. Mit seinen sechs Sätzen lässt sich das Oktett eher dem Divertimento zuordnen. Auf die Sinfonie weisen die langsamen Einleitungen der Ecksätze, die Sonatenform des Kopfsatzes und deren gewaltiges Ausmaß sowie die Besetzung mit Streichquintett und drei Bläsern, einem Orchester en miniature, hin.

Oktett von Franz Schubert

Der Liedkomponist Schubert gesteht hier zwar den Blasinstrumenten und besonders der Klarinette häufig eine dominierende Rolle zu – schließlich war der Auftraggeber, Ferdinand Graf Troyer, ein guter Klarinettist –, doch insgesamt werden alle Instrumente ziemlich gleichberechtigt behandelt. Die israelische Klarinettistin Shelly Ezra bezauberte mit einer reifen Interpretation, so kantabel wie virtuos. Solistisch kamen der Fagottist Theo Plath und die Hornistin Anne Sophie Broholt Jensen vor allem im liedhaften zweiten Satz und bei den Variationen zum Zuge. Die dunklen Farben steuerte wohlklingend der Kontrabassist Piotr Zimnik bei, ihm zur Seite die erst neunzehnjährige Cellistin Anastasia Kobekina mit wunderschönem, sanglichem Ton. Mit der virtuos konzertierenden Primaria wetteiferten die famose Bratscherin Peijun Xu und die Geigerin Chenjun Fan.

Spannungsmomente kommen packend zur Geltung

Lidia Baich ließ das Oktett mit hochromantischer Expressivität musizieren, von der Dramatik der Einleitungen über die energische Prägnanz des Scherzos, von der tänzerischen Grazie des Variationsthemas und dem Schwung des Andante molto bis zum Übermut im Finale. Das Ensemble folgte der Primaria präzise; Dynamik, Phrasierungen, Farblichkeit waren genau abgestimmt. Die Spannungsmomente der Schubertschen Harmonik kamen packend zur Geltung. Die Aufführung war ein großer Genuss. Anders als dem Wiener Premierenpublikum 1827, wurde dem Auditorium im Saal der Sparkasse das Werk ganz und gar nicht zu lang.

Von „himmlischen Längen“ kann bei Hindemiths Oktett nicht die Rede sein. Auch wenn er sich am Schubertschen Vorgänger orientiert, befleißigt er sich lakonischer Kürze und beschränkt sich auf fünf Sätze. Es ist sein letztes Kammermusikwerk, dem Berliner Philharmonischen Oktett gewidmet und mit diesem 1958 in Berlin uraufgeführt, wobei der Komponist selbst als 1. Bratscher mitwirkte. Die zweite Geige ersetzt Hindemith durch eine Bratsche (in Offenbach einfühlsam gespielt von Sara Kim) und verstärkt damit die dunklen Farben. Trotz kunstvoller Verarbeitung präsentiert sich das Werk nicht mit Bierernst, denn Hindemith greift wie in früheren Kompositionen auf Volkstümliches zurück. Er konfrontiert eine Fuge mit Walzer, Polka, Galopp und zitiert die „Stettiner Kreuzpolka“. Vortrefflich gespielt. Leider blieb dem kräftig applaudierenden Publikum eine Zugabe versagt.

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