Konzert mit Blick über die Skyline

Sieben Saiten und viele Seiten

Offenbach - Zur Barockzeit muss es großartige Virtuosen gegeben haben. Solche wie Jakob David Rattinger. Kaum anzunehmen indes, dass damals ein Adelsspross, um seine Angebetete zu verführen, die Beherrschung der Gambe so perfektioniert hat wie der Österreicher. Von Markus Terharn

Mit dem Programm „Die Welt der sieben Saiten“ eröffnete er die fünfte Spielzeit der Reihe „Senza Piano“ des Amts für Kulturmanagement im Konferenzsaal der Sparkasse Offenbach, die sich erneut als Gast- wie Geldgeber generös zeigte.

„Die Gambisten waren die ersten Popmusiker“, behauptete Rattinger, um die kühne These gleich zu untermauern. Kraftvolles Stimmen – wiederholt erforderlich, weil Luftfeuchtigkeit den Darmsaiten zusetzte – und ein Prelude von Abel verdeutlichten den Tonumfang von der Bratschen- über die Violoncello- bis in die Kontrabasslage, das dynamische Spektrum und die akkordischen Möglichkeiten. Dass die Gambe der menschlichen Stimme am nächsten komme, beglaubigten zwei Stücke aus Telemanns „Getreuem Musikmeister“, eins süße Sanglichkeit betonend, das andere eine enorme Fingerfertigkeit erfordernd.

In einem Abel-Allegro trieb Rattinger die Doppelgriffe auf die Spitze. Und mit zwei Sätzen von Caix d’Hervelois bewies er, dass seine zwischen die Knie geklemmte Viola da Gamba so vielseitig wie vielsaitig ist: „Plainte“ als elegische Dur-Klage mit Verzierungen, die eher tröstete denn bedrückte; und „La Russienne“ als temperamentvoll-lustiges Tanzstück mit hüpfender Rhythmik. Von der erteilten Erlaubnis zum Mitwippen machte das Publikum gern Gebrauch. Tiefe Register kamen zum Tragen in Piècen von Machy, den körperlichen Klang unterstreichend.

"Wohlklang mit Panoramablick"

Nach kurzer Pause, als der Sonnenschutz überflüssig war, gelangte der Untertitel „Wohlklang mit Panoramablick“ zu seinem Recht. „Ich beneide Sie um die Aussicht“, sagte Rattinger, mit dem Rücken zur Frankfurter Skyline sitzend, ins Publikum. Und widmete sich im zweiten Teil vorwiegend unterhaltsamen Werken. Der Humor erfuhr sein Recht bei dem britischen Captain Hume, der in „A Soldier’s Resolution“ lautmalerische Imitationen anderer Instrumente versucht und in „Hark Hark“ die Saiten streichen, zupfen sowie mit dem Bogen schlagen lässt.

Zum Abschluss Teufel und Engel: So nannte die Kritik die Komponisten-Konkurrenten Forqueray und Marais. Was in Rattingers Interpretation nachvollziehbar war. Bei ersterem legte er eine atemberaubende Geschwindigkeit an den Tag, bei letzterem lotete er die Tonschönheit seines Nachbaus einer Gambe von 1696 aus. Unter zwei Zugaben mit weiterer, kaum glaublicher Steigerung der Geläufigkeit durfte er das Podium nicht verlassen. Fazit: Gambe macht glücklich!

Rubriklistenbild: © dpa

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