Orquestra Sao Paulo in Wiesbaden

Sinfonische Brückenbauer

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Orquestra Sao Paulo im Kurhaus Wiesbaden beim Rheingau-Festival

Wiesbaden - Sie stammen zwar aus verschiedenen Hemisphären, doch in Ihrer Hingabe zum Volkston sind sie einander sehr nahe. Von Klaus Ackermann

Heitor Villa Lobos’ Fantasie für Klavier und Orchester lässt den brasilianischen Karneval rhythmisch explosiv aufleben, für Pianist Nelson Freire eine locker absolvierte Kür. Verhaltene Leidenschaft ist dagegen Antriebsfeder von Tschaikowskys Vierter Sinfonie mit ihrem Schicksalsmotiv, dessen Härte fürs Orquestra Sinfonica do Estado de Sao Paulo richtungweisend war, das die New Yorkerin Marin Alsop als starke Einheit präsentierte, beim Rheingau-Festival im Wiesbadener Kurhaus zu Gast.

Kontrolliertes Temperament

Volle orchestrale Pulle schon zum Auftakt bei „Abertura Festiva“, Festmusik von Mozart Camargo Guarnieri (1907-1993), der seinem Namensvetter freilich den Rücken zeigt. Eher Strawinsky taucht da im Klangbild auf, seine kleinteiligen leicht angeschrägten Motive, seine rhythmischen Skalen auf ostinatem Grund. Bis hin zum effektvollen Schluss zeigen die Brasilianer schon früh Klasse bei immer kontrolliertem Temperament.

Villa Lobos’ „Momoprecoce“-Fantasie basiert auf Kinderliedern und Volksweisen. Das Klavier hat im Dialog mit dem Orchester Karnevalskostüme im Visier, die über den kindlichen Charakter Auskunft geben. Eine Fantasie der virtuosen Gipfelgänge, die Altmeister Freire kaum zu fordern scheinen, der sich in intime Gespräche mit dem traurig tönenden Fagott ebenso einmischt, wie er mit impressionistischen Klängen stimmungsvoll koloriert und im heißen Samba-Takt souverän Equilibristik an Tasten vorführt. Klavierdonner bannt den kindlich-melodischen Ansatz. Von einem Könner entfacht, der das präzise begleitende Orchester zu beflügeln versteht.

Da ist Feuer in der Bude

Als zentrale Schaltstelle scheint Dirigentin Alsop permanent unter Starkstrom zu stehen, die in suggestiver Zeichengebung an ihren Mentor Leonard Bernstein gemahnt. Schon das bedrohliche Blechbläser-Motiv signalisiert: Da ist Feuer in der Bude. Alsop fackelt nicht lange, ist schnell im markant artikuliertem Fortissimo, versteht sich aber auch auf die zarten Visionen von einem besseren Ich, in die das Schicksal grausam einbricht.

Dem melodisch in Wallung geratenden Streicher-Pizzikato begegnen die versierten Holzbläser mit einem süffig musikantischen Trio. Und auch ins fröhlich lärmende Dur schlägt das Schicksalsmotiv wie eine Bombe ein. Ein kompakter Orchesterklang fesselt noch im effektvollen Finale. Szenen einer glücklichen Ehe zwischen den Brasilien-Sinfonikern und ihrer neuen Chefdirigentin. Und Tschaikowskys Russland scheint von Sao Paulo gar nicht so fern.

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