Sinfonische Erlebniswelt mit chorischer Botschaft

Es ist vollbracht. Mit den neun Sinfonien an vier Konzertabenden haben Maestro Kurt Masur und das Orchestre National de France in Frankfurts Alter Oper nachdrücklich Beethoven gehuldigt, erhaben über gestalterische Doktrinen. Das bescherte den sinfonischen Denkmalen eine neue Frische, ohne an der Klassiker-Patina zu kratzen.

In der Sinfonie Nr. 8 F-Dur entlarvt er Beethovens Rückblick auf Haydn und Mozart als kreativen und humorvollen Umgang mit der ehrwürdigen Form. Dass deren Eingangs-Allegro vivace viel mit einem Wiener Walzer zu tun habe, unterstreicht der Maestro in unerbittlichem Vorwärtsdrang, unterschwellig wirkt dieser Dreiertakt sogar bedrohlich. Wie das scheinbar konventionelle Scherzando durch spitzfindig veränderte Form überraschende Wendungen nimmt. Brave Hornquinten werden von grummeligen Triolengängen der tiefen Streicher abgefedert, was dem Menuett einen ironischen Unterton beschert, von Masur glasklar fixiert. Selbst das Finale, dynamisch kontrastreich gespielt, hat diesen Spielwitz, nicht zuletzt durch wie zufällig generierte Blechbläser-Einwürfe.

Von tiefem Ernst beseelt dagegen die Sinfonie Nr. 9 d-Moll mit der gewichtigen Schiller-Ode „Freude schöner Götterfunken“. Schon eingangs passiert da allerhand. Bei Beethoven, der mit hohl tönenden Quinten eine sinfonische Genesis vollzieht. Aber auch bei Kurt Masur, der das Orchestre National de France zum herrisch-klanglichen Basta ermuntert, am Dirigierpult intensiv den Konflikt beschwört, doch auch mit empfindsamem Melos besänftigt. Als Weckruf wirken Trompeten-Signale, aus den Reminiszenzen an vorausgegangene Sätze, wie ein Rezitativ verhandelt, lugt der „Freuden“-Hymnus hervor. Doch erst das vom Opern-Bariton Hanno Müller-Brachmann ungemein ausdrucksvoll angestimmte „O Freunde, nicht diese Töne“ beendet den klanglichen Disput, Schillers Botschaft überspannt die sinfonische Erlebniswelt.

Vielstimmig tönt’s von starken Stimmen, neben Müller-Brachmann die Bayreuth-Sopranistin Melanie Diener, Marie-Nicole Lemieux (Mezzosopran) und Pavol Breslik (Tenor) sowie einer Sänger-Armada aus Frankfurter Cäcilienchor, Figuralchor, Kantorei und Kinderchor. „Seid umschlungen Millionen“: Schiller-Beethovens Aufruf hat beim Maestro grandioses Plakat-Format. Harte Zeiten verlangen nach stählernem Klang.KLAUS ACKERMANN

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