Sinfonische Erlösung

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Camilla Tilling und Lilli Paasikivi waren die Solistinnen des von Paavo Järvi geleiteten Konzerts.

An sakralem Ort und dynamisch überaus kontrastreich war die Auferstehungs-Sinfonie jene Ungeheuerlichkeit, die ihr Komponist im Sinn hatte. Gustav Mahlers Zweite eröffnete im Kloster Eberbach das Rheingau Musik Festival und ließ mitten im Sommer November-Gedanken aufkommen. Von Klaus Ackermann

Denn Paavo Järvi hatte mit dem hr-Sinfonieorchester das Opus magnum des Endzeit-Romantikers derart geschärft, dass sich jeder arme Sünder förmlich nach Erlösung sehnte, die schließlich von den wie schwerelos singenden Chören des Norddeutschen und Bayerischen Rundfunks samt zweier feinfühlig einstimmender Soprane zumindest sinfonisch gewährt wird. Kaum glaublich, dass sich Gustav Mahler mit diesem Werk schwer getan hatte, so dramaturgisch zielsicher wird in der Eberbach-Basilika, deren weitläufige Akustik Järvi effektvoll mit einbezieht, die vom Komponisten bearbeitete finale Klopstock-Ode angepeilt: „Aufersteh‘n, ja aufersteh’n wirst Du“.

Als „ein Musikdrama ohne Szenerie“ hat ein Mahler-Vertrauter einmal diese in ihren klanglichen Mitteln wahrlich aufwändige Sinfonie genannt, den Järvi präzise beim Wort nimmt. Schon die hart angerissenen Eingangspassagen der tiefen Streicher beim „Totenfeier“ genannten ersten Satz bezeugen menschliches Getriebensein. Dabei entwickelt das hr-Orchester samt zweier hoch motivierter Kesselpauker in der Überakustik des ehemaligen Kirchenraums klangliche Härten, die Mahler, der Grenzgänger zwischen Romantik und Moderne, durchaus zulässt.

Es folgen schöne Erinnerungen an den Verstorbenen, von elastischen Orchester-Triolen erstellt, die das volkstümliche Ländler-Melos einläuten, das in elegante Wiener Ball-Sphären überführt wird. Schlagartig mutiert dieser Dreivierteltakt zum gespenstischen Schattenriss, von Klarinetten-Schlieren durchzogen wie eine psychische Obsession. Hier schon ebenso ausgeprägt wie Mahlers Raumklang, wenn sich ein Motiv gleichsam instrumental verflüchtigt. Ein Orchesterlied auf „Des Antonio von Padua Fischpredigt“, dessen fröhlicher Reigen mit klanglich sarkastischem Unterton die Nutzlosigkeit alles menschlichen Strebens plakatiert.

Orchestrale Gewitter in der Eberbach-Basilika

Ebenfalls aus der „Wunderhorn“-Sammlung stammt das „Urlicht“: Umgeben von ätherischen Klangnebel beschwört die ausdrucksstarke Mezzosopranistin Lilli Paasikivi kindlich fromm das „ewig‘ selig‘ Leben“. Das ist nach heftigen orchestralen Gewittern, die in den Trompeten der Apokalypse sich zu entladen scheinen – Mahlers „Fernorchester“ sitzt in der Basilika seitlich, die Blechbläser sind in fantastischer Tagesform – auch Quintessenz des ausgiebigen Finalsatzes. Und von den stimmlich wohltemperierten Chören und dem engelsgleich erblühenden Sopran der Camilla Tilling in ungemein farbigen Harmonien beschworen.

Ein noch im Pianissimo fülliges Chor-Orchester-Paradies, bei dem Järvi die Grenzen klanglicher Süße erkundet – freilich mit Mahler immer erhaben übers Geschmäcklerische. Ein hoffnungsvolles Ende also schon am Anfang des Rheingau Musik Festivals, das weiterhin Spannung verspricht.

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