Sinfonische Himmelfahrt

Frankfurt - Es ist die bekannte Geschichte des tragischen Genies. Nach harschen Kritiken an seiner ersten Sinfonie verfiel der Bruckner-Schüler und Mahler-Freund Hans Rott (1858-1884) in Wahnsinn, wurde in eine psychiatrische Anstalt eingewiesen und starb dort kurz vor seinem 26. Geburtstag an Tuberkulose. Von Klaus Ackermann

Eine unrühmliche Rolle spielte in dieser Tragödie Johannes Brahms, dessen herbe Abfuhr Rotts Verfolgungswahn beschleunigt hatte. An Rotts E-Dur-Sinfonie erinnerte jetzt Paavo Järvi beim Funkkonzert in der Alten Oper, auf Wiedergutmachung beim Österreicher bedacht, was über weite Strecken dieser sinfonischen Himmelfahrt auch gelang. Konfrontiert hatte der hr-Chefdirigent das weitgehend unbekannte Jugendwerk mit dem Flötenkonzert G-Dur des ebenfalls viel zu früh verstorbenen Genius Mozart, das der meisterliche Solist Emmanuel Pahud druckvoll erkundete.

Mit Mozarts Ouvertüre zur „Entführung aus dem Serail“ kommen Järvi und das glänzend aufgelegte hr-Sinfonieorchester flott zur Sache – sogar mit Hilfe eines Offenbachers. Mozarts Nachlassverleger Anton André hatte der Ouvertüre, an die sich unmittelbar die erste Arie des Toleranz predigenden Türken-Singspiels anschließt, einen konzertanten Schluss angefügt. Doch bis zu den finalen Dreiklangs-Schlägen scheint die Szene regelrecht greifbar, ob nun hektischer Aufruhr oder melodiöses Lamento, alles in orchestral virtuosen sechs Minuten absolviert.

Vorlagegemäß mehr Zeit nimmt sich da der Schweizer Pahud, Soloflöter der Berliner Philharmoniker, das G-Dur-Konzert KV 313 – im besten Sinne – aufblasend. Mit Flötentönen, die puren Oberflächenglanz meiden. Ein idealer Vorspieler, der so intensiv gestaltet, als ginge es um Leben und Tod. Der die melodiösen Linien mit wundersamen Legato-Bögen ummantelt und das rustikal-tänzerische Rondo gleichsam zum Mitpfeifen freigibt. Seine sinnträchtige Phrasierungskunst verschafft Einblicke in die kompositorische Struktur, wie man sie selten bei Mozart erlebt, in seelischem Gleichklang mit den hr-Sinfonikern, als sei das eine Selbstverständlichkeit.

„Was klingt schlimmer als eine Flöte?“, fragt Pahud sein Publikum – und gibt gleich selbst die Antwort: „zwei.“ Gesagt, getan und natürlich ausgesprochen delikat: Bei der Zugabe, Glucks Ballettmusik „Reigen seliger Geister“ (aus „Orpheus und Eurydike“), versichert er sich der Mitarbeit von hr-Soloflötistin Clara Andrada de la Calle, „früher meine beste Schülerin“, wie Pahud lobt.

Nun zählen die Holz- und Blechbläser eh zu den Spitzenkräften des hr-Orchesters, letztere schon beim festlichen Auftakt der Rott-Sinfonie stark gefordert – der Österreicher muss eine Schwäche für steilen Trompetenton und Triangel gehabt haben. Deren markantes Quart-Thema könnte auch von Anton Bruckner stammen. Wie Rott überhaupt die sakrale klangliche Sphäre in milde Apotheosen oder Tutti-Gipfel mit Kesselpauken-Donner überführt.

Der sinfonisch gewendete Walzer dürfte Gustav Mahler beeindruckt haben wie auch jene klanglichen Szenarien zwischen sinfonischem Geisterspuk und Blechbläser-Jubel, die Järvi akribisch erstellt. Doch trotz heftiger Dramatik bis an orchestrale Schmerzgrenzen, so richtig warm wird man nicht mit diesem sinfonischen Stoff. Weniger wäre da manchmal mehr. Dennoch lässt schon das Jugendwerk erkennen, was aus dem Sinfoniker Rott hätte werden können. Wenn das Schicksal etwas barmherziger gewesen wäre …

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